Diese Geschichte beruht auf einer wahren Begebenheit. Sie ist düster und traurig, aber trotzdem soll sie erzählt werden. Die Personennamen sind frei erfunden.

Heidrun zeichnete mit einem Finger das Muster der Tischdecke nach. Sie saß am Esstisch ihrer Freunde Mia und Rainer und fühlte sich jämmerlich. Mia bemühte sich, das Gepräch in Gang zu halten, aber Heidruns Antworten waren einsilbig und es entstanden immer wieder lange Pausen unterbrochen von tiefen Seufzern. Heidruns Mund war trocken und der Hals wie zugeschnürt.
Gerade war sie aufgestanden mit den Worten „Ich kann das nicht“ und Mia konnte sie nur mit Mühe dazu bewegen, sich wieder zu setzen.
„Wir haben doch so viel darüber nachgedacht, es ist wirklich der einzige Ausweg,“ sagte Mia eindringlich.
„Ja, ich weiß,“ flüsterte Heidrun, „aber wie soll ich das aushalten?“
„In ein paar Tagen ist es schon nicht mehr ganz so schlimm.“
Heidrun seufzte wieder, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und Mia schenkte noch etwas Tee nach.
Vor 13 Jahren war Heidrun zum ersten Mal nach São Filipe gekommen, zusammen mit ihrem Mann Luigi. Sie waren auf der Suche nach einem Neuanfang und schon nach ein paar Tagen wussten sie: dies war der richtige Ort. Klar, reich würden sie hier nicht werden, aber die Atmosphäre war genau die richtige, das spürten beide. Die Altstadt war wirklich schön, viele alte Häuser waren ziemlich heruntergekommen, manche nur noch Ruinen, aber alles hatte einen unvergleichlichen Charme. Das hatten sie auf den anderen Inseln so nicht gefunden.
Und dann entwickelte sich auch noch einer dieser glücklichen Zufälle, die entstehen, wenn alles zusammen passen soll: Luigi, der sich mit Italienisch und portugiesischen Brocken ganz gut verständigen konnte, rauchte mit einem älteren Herrn eine Zigarette und dieser zeigte auf ein Gebäude auf einer Anhöhe, die er „Alto São Pedro“ nannte. Sie trennte die Unter- von der Oberstadt, Bila Baixo von Bila Riba. Das Haus war geräumig und in einem ziemlich guten Zustand, nach hinten hatte es einen Anbau mit zwei Wohnräumen unten und zwei Abstellräumen auf der Dachterrasse und sogar einen kleinen Garten … und es stand zum Verkauf. Damit hatten sie den perfekten Ort für ihren nächsten Lebensabschnitt gefunden.
Nach der Unterzeichnung des Kaufvertrages rief Luigi die Reederei an: der Container könnte jetzt auf den Weg gebracht werden. Dann folgten die Umbauten: für den zukünftigen Gastraum musste eine Wand entfernt und in der Küche mussten neue Anschlüsse verlegt werden, eine zweite Toilette war notwendig und noch so einiges andere auch. Dann die Malerarbeiten und als letztes der Schriftzug auf der hohen Mauer, die die Terrasse abstützte: le bistro
Heidrun nahm Kontakt mit zwei Agenturen auf: Wikinger Reisen und Studiosus Reisen. Beide hatten seit kurzem auch die Insel Fogo und speziell die Besteigung des Pico do Fogo im Programm, waren von dem neuen Restaurant angetan und buchten Frühstücks- und Abendmahlzeiten für ihre Gruppen. Das war in der Anfangszeit die Haupteinnahmequelle des le bistro, Einzelreisende verirrten sich eher selten auf die Insel.
Luigi klagte schon seit längerer Zeit über Schmerzen in den Beinen. Zunächst nur, wenn er mit Tüten beladen vom Einkaufen kam, später dann auch bei kleinen Wegen im Haus und schließlich sogar im Sitzen und die Zehen begannen, sich bläulich zu verfärben.
„Sind wohl Durchblutungsstörungen wegen dem Alter“ spielte Luigi die Angelegenheit herunter. Aber Heidrun lag ihm damit in den Ohren, doch endlich zu einem Arzt zu gehen.
„Du bist noch nicht mal siebzig, das ist doch nicht normal, da musst du was machen – und außerdem solltest du sofort mit dem Rauchen aufhören.“
Luigi rauchte schon sein Leben lang, das aufzugeben war entschieden zu viel verlangt. Aber das Hospital war in der Nähe, ein Besuch beim Arzt war ok.
Die ärztliche Diagnose war niederschmetternd: fortgeschrittene Arteriosklerose.
„Bereiten Sie sich darauf vor, dass Zehen absterben und entfernt werden müssen,“ sagte der Arzt und verschrieb eine Salbe mit Diclofenac gegen die Schmerzen und Aspirin um einem Infarkt vorzubeugen.
„Und das wichtigste: hören Sie sofort mit dem Rauchen auf. Rückgängig machen können Sie die Verkalkung nicht, aber beschleunigen schon, wenn Sie so weiter machen mit dem Rauchen. Sie wären nicht der erste, der mit amputierten Beinen im Rollstuhl landet.“
Luigi hörte nicht mit dem Rauchen auf und er landete im Rollstuhl. Das Hospital verfügte über eine chirurgische Abteilung, in der Luigi in den folgenden Jahren geradezu Stammgast wurde. Zunächst wurden die nekrotischen Zehen entfernt, dann ein Unterschenkel und schließlich auch der zweite.
Zu dieser Zeit brachte eine Katze im Garten des le bistro hinter einem Stapel Bretter vier Junge zur Welt. Heidrun hatte die Katze schon öfter dort bemerkt, wenn sie Kräuter holte und ihr manchmal ein Schälchen Milch hingestellt. Beim letzten Mal balgten sich dort in der Sonne die jungen Kätzchen und Heidrun durchströmte bei ihrem Anblick seit langem mal wieder ein Glücksgefühl.
Die Katzen wurden immer zutraulicher, kamen auch ins Vorderhaus und auf die Terrasse. Die meisten Gäste mochten die Katzen. Heidrun bat sie aber, die Katzen nicht zu füttern, um sie nicht zum Betteln zu ermutigen. Luigi mochte die Katzen nicht, aber er war jetzt an den Rollstuhl gefesselt, konnte das Haus aus eigener Kraft nicht mehr verlassen und verbrachte seine letzten Tage weitgehend unbeachtet im Hintergrund.
Luigi starb im folgenden Jahr. Auf seinen Wunsch hin fand die Begräbniszeremonie nicht in São Filipe statt, sondern in der Kirche von São Lourenço, wo Heidrun auch seine Grabstätte ausgewählt hatte. Die Gruppe der Trauernden, die seinem Sarg das letzte Geleit gaben, war ziemlich klein. Im le bistro bat Heidrun danach zum Leichenschmaus. Mittlerweile war die Gruppe der Katzen, die um die Beine der Gäste strichen auf sechs Tiere angewachsen.
Heidrun hatte mit einem Fischer eine Verabredung getroffen, dass er ihr täglich die Fische, die schlecht zu verkaufen waren, für kleines Geld vorbei brachte. Die stellte Renate am frühen Nachmittag in einer Schale auf die Terrasse und das hatte sich natürlich unter den Katzen der Nachbarschaft herumgesprochen. Die Zahl der Katzen, die sich zum le bistro gehörig fühlten, wuchs immer weiter an und viele Gäste waren jetzt irritiert. Es gab Beschwerden bei den Agenturen, die nicht lange fackelten, sondern andere Restaurants im Zentrum von São Filipe für ihre Gruppen buchten. Auch Einzelgäste und Geburtstagsgesellschaften wurden immer weniger und blieben schließlich ganz aus. Mittlerweile gab es gute Alternativen und die Umsätze sanken auf Null. Heidrun beschäftigte für die Buchhaltung einen contabilista, der eine Alarmmeldung nach der anderen schickte und dringend dazu riet, den drei für Küche und Reinigung angestellten Frauen zu kündigen. Die erschienen noch immer pünktlich jeden Tag zur Arbeit, hatten aber bis auf ein bisschen Fegen und Wischen nichts mehr zu tun.
Heidrun sprach diese Kündigungen auch aus, aber dadurch entstand ein neues Problem: nach kapverdischem Recht steht einem gekündigten Angestellten eine Abfindung in Höhe eines Monatslohnes pro Beschäftigungsjahr zu, die indemnização. Da alle drei Frauen seit Gründung des le bistro dort angestellt waren, war das ein erheblicher Betrag, der Heidruns Rücklagen vollständig aufzehrte und sie zwang, sich bei Mia und Rainer noch zusätzlich Geld zu leihen. Und das war noch nicht alles.
Zu der Zeit, als das le bistro das angesehenste Restaurant der Stadt war, hatte sich Heidrun den Ruf einer erfolgreichen Geschäftsfrau erworben. Als solche wurde sie bei Lieferanten und Geschäften und sogar bei dem Wasserwerk Aguabrava und der Electra als voll kreditwürdig angesehen. Überall hatten sich in der letzten Zeit erhebliche Aussenstände angehäuft, da die Gläubiger eine solche Entwicklung nicht vorausgesehen hatten. Diese Gelder wurden nun mit Nachdruck eingefordert. Der Stromversorger Electra hatte das Haus bereits aufgrund der Schulden von der Versorgung abgetrennt und Heidrun saß nun am Abend ohne Gäste aber zusammen mit dreißig Katzen bei Kerzenschein auf ihrer Terrasse.
Auch der Versuch, einen Hypothekenkredit auf das Haus aufzunehmen, scheiterte, da Heidrun nicht nachweisen konnte, wie sie die monatlich fälligen Raten bezahlen würde.
Einziger Ausweg: das Haus so schnell wie möglich verkaufen, alle Schulden begleichen und dann mit dem Rest ein bescheidenes Leben führen. Aber wo sollte sie denn hin. Das le bistro war ihr Zuhause. In Deutschland hatte sie keine Kontakte mehr, die Beziehung zu ihrem Sohn hatte sie schon vor vielen Jahren in einem großen Streit abgebrochen. Und wer kauft ein Haus mit dreißig Katzen? Wahrscheinlich waren es auch schon mehr.
Rainer ging am Abend gerne auf einen „Absacker“ in eine kleine Kneipe in der Nähe des Gemüsemarktes, die von Amélia aus Guinee-Bissau zusammen mit ihrem Freund und ihrer Schwester geführt wurde. Die Kneipe war wirklich klein und die Umsätze reichten eigentlich nicht aus, um drei Personen zu ernähren. Amélia hatte auch schon mehrfach gesagt, sie würde gerne etwas größeres machen mit einer richtigen Küche. Schwester Patrícia war eine wirklich gute Köchin, aber hier hatte sie einfach keine Möglichkeiten.
„Ich rede mal mit Amélia, vielleicht ist da ja was möglich,“ hatte Rainer zu Mia gesagt.
Zwei Tage später fand die Besichtigung statt. Heidrun, Rainer, Amélia und deren Freund D’jo bahnten sich ihren Weg durch die Katzenmenge, deren Anzahl noch weiter angewachsen zu sein schien.
„Es ist total toll,“ sagte Amélia, als sie wieder auf der Strasse standen. „Aber ich kann es nicht bezahlen. Und wenn, dann müssten die Katzen natürlich weg.“
„Vielleicht gibt es ja noch andere Möglichkeiten,“ meinte Rainer. Und an Amélia gewandt: „Mal angenommen, du kaufst das Haus für so viel Geld, dass Heidrun ihre Schulden bezahlen kann, und dann gibst du ihr ein Wohnrecht für die Räume oben auf der Terrasse – solange sie lebt und bezahlst ihr eine Art Rente. Dann habt ihr doch eigentlich beide, was ihr wollt.“
Die beiden Frauen schauten sich an und dachten vermutlich das Gleiche: ‚Klingt perfekt, aber kann das funktionieren … in der Praxis … über Jahre … mit einer Frau, die ich nicht kenne‘
Und jetzt saß Heidrun also bei Mia und Rainer am Esstisch und wartete, während sich im le bistro ein Drama abspielte.
Vor ein paar Tagen hatte Rainer den veterinário von São Filipe aufgesucht und mit ihm über Heidruns Situation und ihre Katzen gesprochen. Mit 30 oder 40 Katzen war das Haus unverkäuflich und eigentlich auch unbewohnbar. Und wer sollte zukünftig die Futterkosten bezahlen?
Zunächst hatte der Veterinär die Idee einer schmerzfreien Tötung weit von sich gewiesen, aber bei genauerer Betrachtung war auch ihm keine andere Lösung eingefallen. Die Katzen einzufangen und auf die andere Seite der Insel zu bringen, wäre zwar schwierig aber schon machbar, nur für viele würde das einen qualvollen Hungertod bedeuten. Außerdem gab es Berichte, dass es Katzen geschafft hatten, auch aus dreißig Kilometer Entfernung wieder nach Hause zu finden.
Heute war also der Tag, an dem Heidrun ihr Versprechen einlösen würde, das sie bei der Unterzeichnung des Kaufvertrages gegeben hatte. D’jo hatte am Morgen ein paar Kilometer südlich der Stadt auf den Klippen bereits eine Grube ausgehoben. Dann war er ins le bistro zurückgekehrt, wo er auf den Veterinär und seinen Helfer traf, die in einem kleinen Raum im Hinterhaus bereits alles vorbereitet hatten. D’jo hatte drei Schalen mit Fisch in den Gastraum gestellt und dann die Terrassentüren geöffnet. Die Katzen, die am Vortag nichts zu fressen bekommen hatten, stürzten sich mit wildem Gedränge auf das Futter. Als alle im Raum waren, schloss D’jo die Türen wieder.
Nachdem alle satt waren, lockte D’jo einzelne Katzen in den Raum, in dem der Veterinär bereits wartete. D’jo war für die Katzen eine vertraute Person und sie folgten ihm ohne Misstrauen. Dort fixierte sie der Helfer mit einem Netz und der Veterinär spritzte Natriumpentobarbital. Dies führte innerhalb von Sekunden zu einer tiefen Bewußtlosigkeit und dann zu Atem- und Herzstillstand. Nur zwei jungen Katern wurde dieses Schicksal erspart. Die sollte Heidrun nach ihrer Rückkehr ins le bistro erhalten.
„Und kommt in den nächsten Tagen mit den beiden bei mir vorbei, damit ich sie kastrieren kann,“ sagte der Veterinär noch zu D’jo auf dem Weg zu seinem Wagen.
Dann rief D’jo einen caixa aberta, hob die Säcke mit den Kadavern auf die Ladefläche und brachte sie zu der vorbereiteten Grube. Und Amélia, die das Ganze mit versteinerter Mine verfolgt hatte, rief Rainer an.
Am späten Nachmittag brachten Mia und Rainer Heidrun zurück ins le bistro. Mit unsicheren Schritten ging sie die Treppe zur Terrasse hoch.
Keine Begrüßung, kein Maunzen, nur Leere und Stille. Heidrun ließ sich schwer auf eine Bank fallen. Einer der Kater kam um die Ecke und sprang auf ihren Schoß. Geistesabwesend blickte Heidrun Richtung Meer und strich über seinen Kopf.

















