Nach dem Fußball

„Wie wär’s, wenn du den Ball auch mal abgibst? Du rennst einfach nach vorne, da stehen dann drei Rote und weg ist der Ball“
Nach dem verlorenen Spiel gegen die U17 von Lagariça war Tó ziemlich genervt.
”An wen denn abgeben? Es läuft ja keiner mit.“ Djilo war auch nicht gerade bester Laune.
„Dann musst du eben mal langsamer machen, nicht alle sind so schnell wie du.“
Die beiden Jungen saßen auf der Mauer am Spielfeldrand des Sportplatzes von Cabeça do Monte und sahen dem Spiel der U12 zu, das gerade begonnen hatte. Hier spielten Jungen und Mädchen noch gemischt und einige barfuß. Das allein hielt sie schon in Bewegung, denn zum Stehenbleiben war der von der gnadenlosen Sonne aufgeheizte Betonboden zu heiß.
Tó wohnte zusammen mit seinen Eltern und Schwester Sonia in einem Haus direkt neben dem Sportplatz, Djilo bei seiner Tante Dita in einem kleinen Haus drei Kilometer weiter bergauf in Richtung Achada Fora. Die beiden Jungen kannten sich seit der escola primária. „Unzertrennlich“ wäre übertrieben, aber sie verbrachten viel Freizeit gemeinsam – und die Zeit im liceu, dem Gymnasium der Inselhauptstadt São Filipe, sowieso.
Auch Tante Dita verbrachte viel Zeit im liceu, oder besser gesagt am liceu. Jeden Morgen um 6:50 stiegen sie und Djilo in den Toyota Hiace von Zezinho, der für den öffentlichen Nahverkehr zuständig war. Tante Dita hatte ihren Korb mit Süßigkeiten dabei, den sie auf dem Kopf trug, als wäre er dort angewachsen. Außerdem einen Schemel und die Frigobox mit Wassereis in kleinen Plastikbeuteln und 3 Geschmacksrichtungen zum Auslutschen. Der Kleinbus hatte seine Kapazitätsgrenze hinsichtlich der Anzahl der Passagiere zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich überschritten, was jedoch niemanden interessierte. Um 6:55 stieg dann Tó an der Haltestelle Cabeça do Monte zu und es folgten noch weitere Schüler, die die Escola Secundária Dr. Teixeira de Sousa, wie das liceu offiziell hieß, pünktlich erreichen wollten. Die Passagiere unterhielten sich sehr angeregt und da man nicht nur das Gespräch der anderen, sondern auch noch das Motorgeräusch übertönen musste, war der Geräuschpegel beträchtlich.
Natürlich wussten alle, was sich in dem Korb von Dita verbarg, auch wenn er mit einem gut verknoteten Tuch bedeckt war und Djilo zögerte nicht, auf jede Hand zu hauen, die dem Korb zu nahe kam. Am liceu angekommen, ergoss sich der Strom der Schüler einschließlich Djilo und Tó zunächst auf die Straße und dann ins Innere der Schule. Nur Dita setzte sich den Korb auf den Kopf, ergriff Frigobox und Schemel und ging zur Nordseite der Schulmauer. Dort war sie vor der Sonne geschützt, setzte sich auf den Schemel, stellte die Frigobox mit dem Wassereis neben sich und löste die Knoten des karierten Tuches, das den Inhalt des Korbes vor begehrlichen Blicken geschützt hatte. Der Arbeitstag konnte beginnen.
Tó und Djilo saßen am Spielfeldrand des Polivalente von Cabeça do Monte und diskutierten ihre Niederlage gegen die U17 von Lagariça. Und dann sagte Djilo:
„Tante Dita hat gestern von der Höhle Ghon Ghon erzählt. Die ist ja gar nicht weit von uns weg. Räuber sollen dort gelebt haben und von da haben sie ihre Raubzüge gestartet und die morgados um Gold und Schmuck erleichtert. Ist schon lange her, mindestens 100 Jahre oder so.“
Die morgados waren die Großgrundbesitzer, die bis zum bis zum Ende des 19. Jahrhunderts riesige Ländereien besaßen und die Insel mehr oder weniger unter sich aufgeteilt hatten. Und das waren nicht nur Weiße. Manche morgados hatten sich so in eine ihrer schwarzen Sklavinnen verliebt, dass sie sie heirateten und eines ihrer farbigen Kinder, meistens der Erstgeborene, wurde dann der rechtmäßige Erbe ihres Besitzes. Das Regiment dieser schwarzen morgados soll häufig brutaler gewesen sein, als das der weißen.
„Von der Höhle hab ich auch schon mal von gehört. Warst du mal da?“ fragte Tó.
„Nein, aber in der Nähe, ich war mal mit Inferno und seinen Ziegen da und er hat mir den Eingang gezeigt.“
„Inferno?“ Tó sah Djilo fragend an.
„Eigentlich Fernando, aber weil er so viel säuft, nennen ihn alle Inferno …
… stell dir mal vor, wir finden da noch was. Vielleicht wurden sie ja geschnappt und die Beute liegt noch in der Höhle“
Tó wiegte den Kopf. „Die Polizei wird da bestimmt alles durchsucht haben.“
„Glaub ich nicht, Tante Dita sagt, es ist ein verwunschener Ort und vor 80 Jahren waren die Leute total abergläubisch, da ist keiner reingegangen.“
„Dann sollten wir das auch nicht machen!“
„Bist du auch abergläubisch?“
„Na – weiß nicht.“
„Wir müssen ja nicht weit reingehen – nur mal gucken,“ meinte Djilo.
„Bis zur Höhle komm ich mit, aber reingehen tu ich nicht.“
„Kommst du am Samstagmittag zu mir hoch?“ fragte Djilo, „nach der Kirche? Bis zur Höhle ist es höchstens eine Stunde.“
„OK.“
Tó und seine Familie gehörten der Adventistengemeinde an und der Kirchgang am Samstag um 9:30 war selbstverständlich. Aber jetzt im Mai war es noch bis halb acht hell, also genügend Zeit für einen kleinen Ausflug. Tó sagte nach dem Mittagessen, er wolle noch mal zu Djilo gehen und ihm bei Mathe helfen. Von der Wanderung zur Höhle erzählte er nichts.
Die erste Erkundung
Nach einer halben Stunde kam Tó bei seinem Freund an und begrüßte Tante Dita, die gerade dabei war, den Saft von tambarina und calabaçera in kleine Plastikbeutel zu füllen. Die würde sie dann am Montag als fresquinhas für 20 escudos das Stück vor dem liceu in São Filipe verkaufen.
Tó war wie immer von den ärmlichen Verhältnissen erschüttert, in denen Djilo lebte. Das Haus bestand aus zwei Zimmern und war eigentlich noch immer im Rohbau. Nur eines der beiden Zimmer war verputzt. Die Deckenbalken waren aus carrapato, dem Stamm der Rizinuspflanze, die überall in der ribeira wuchs. Das Holz war für diesen Zweck eigentlich völlig ungeeignet, viel zu weich und es verrottete schnell, aber es kostete nichts. Das Dach bestand aus den Blechen von aufgeschnittenen Ölfässern. Es gab keine Glasfenster, nur hölzerne Fensterläden, vor denen sich die Gardinen aus leichtem Stoff bei jedem Windzug bauschten. Und es gab weder ein Badezimmer noch eine Toilette. Nur ein Rohr mit einem Wasserhahn, das vor dem Haus aus der Erde ragte. Gekocht wurde ebenfalls vor dem Haus über einer gemauerten offenen Feuerstelle mit einem Abzug, ebenfalls aus diesen Blechen, oder – wenn das Brennholz ausgegangen war – auf einem Gasbrenner, der direkt auf die Gasflasche geschraubt war.
Immerhin, das Haus war seit einigen Jahren an die öffentliche Strom- und Wasserversorgung angeschlossen. In dem größeren Raum standen ein Kühlschrank und ein Fernsehgerät und eine nackte Glühbirne baumelte von der Decke. Tante Dita hatte dort ihr Bett, Djilo schlief in dem kleinen Raum nebenan.
Tante Dita war gerade dabei, den Karman über der Feuerstelle aufzuhängen. Der Karman ist ein ausgehöhlter Kürbis, der zur Herstellung von Xibati verwendet wird. Zuerst wird ein Pfund Butter im Dreibein bei kleinem Feuer zum Schmelzen gebracht, dann werden ein paar Handvoll grobes Meersalz, Knoblauch und Lorbeerblätter hinzugefügt. Nach einiger Zeit wird das Salz wieder abgeschöpft, auf einem Stück Stoff ausgebreitet und abgekühlt. Danach kommt es in den Karman, der ein paar Tage im Rauch über der Feuerstelle baumelt. Dann ist das Xibati fertig. Mit Xibati zu würzen ist das Non-plus-ultra der kapverdischen Küche und das Geheimnis einer wirklich gelungenen Katchupa. Die moderne Hausfrau benutzt heutzutage
allerdings Knorr.
Djilo wurde ungeduldig: „Tó, lass uns losgehen!“
„Aber seid vorsichtig,“ sagte Tante Dita mit besorgter Mine. „Die Höhle ist nicht geheuer. Räuber gibt es wohl keine mehr, aber Onkel Balta hat mir mal erzählt, er hätte gehört, dass da zwei Frauen reingegangen sind, von denen man niemals wieder was gehört hat. Das muss vor mehr als 30 Jahren gewesen sein, Onkel Balta ist ja 1995 nach Brockton ausgewandert. Ich kann ihn mal fragen, ob er noch was darüber weiß. Er antwortet auf whatsapp.“
Onkel Balta war der Vater von Djilos Mutter Maria. Diese war vor 10 Jahren vom Gesundheitsamt São Filipe nach Lissabon evakuiert worden. Sie hatte einen Gehirntumor, der weder auf Fogo noch in der Hauptstadt Praia behandelt werden konnte. Die Operation in Lissabon soll erfolgreich gewesen sein, aber das war auch das letzte, was man von ihr gehört hat. Nach der Entlassung aus dem Hospital Santa Maria war Maria wie vom Erdboden verschluckt.
Djilos Vater Max lebte zu dieser Zeit in Mosteiros und hatte dort eine Frau und drei Kinder. Die Familie war nicht bereit, den „Fehltritt“ Djilo aufzunehmen und so war Djilo bei Tante Dita gelandet. Aber immerhin zahlte Max jeden Monat 3000 escudos an Dita – jedenfalls meistens.
Djilo und Tó traten auf die Strasse und gingen ein paar Meter abwärts. Kurz bevor sie rechts abbiegen wollten, kam Carlito von unten angeschnaubt. Carlito war klein und dick und niemand wurde aus ihm schlau. Einige hielten ihn für einen Freigeist, andere für einfältig. Er redete oft wirres Zeug – so schien es jedenfalls. Aber irgendwie lag auch immer eine Wahrheit in seinen Worten und manche trauten ihm sogar hellseherische Fähigkeiten zu. Auf jeden Fall war er ständig auf Achse und beobachtete alles und jeden. Und er tauchte immer überraschend auf, besonders, wenn irgendwo gekocht wurde. Das konnte er offenbar über Kilometer riechen. Dann setzte er sich solange vor die Tür, bis den Leuten nichts anderes übrig blieb, als ihm auch einen Teller anzubieten.
„Na Jungs, wieder hinter Mädchen her?“ keuchte Carlito.
„Und du, hast du wohl schon lange hinter dir.“ entgegnete Djilo schlagfertig.
„Mal im Ernst, Carlito,“ sagte Tó „Wir wollen zur Höhle da oben. Weißt du was darüber?“
„Jaa, der Ghon Ghon,“ sagte Carlito gedehnt, „er lebt im hinteren Teil, wo die Höhle zum Vulkan führt … ein gefährlicher Bursche … zwei Frauen waren vor langer Zeit mal drin, Forscherinnen aus Frankreich. Wahrscheinlich sind sie zu weit gegangen und haben den Ghon Ghon getroffen. Sie sind nie wieder raus gekommen. Auch Nhô Pintchorro konnte ihnen wohl nicht helfen.“
„ Nhô Pintchorro?“
„ Nhô Pintchorro, der gute Geist der Chã das Caldeiras. Er beschützt aber nur die Leute aus der Chã und warnt sie vor Unheil. Gegen Ghon Ghon ist er machtlos.“
Die Chã war der große Krater im Zentrum der Insel, eingeschlossen von hohen Felswänden, der Bordeira, die den Kraterboden um 1000 Meter überragten. Im Krater thronte der fast 3000 Meter hohe Vulkan Pico do Fogo.
Carlito blickte gedankenverloren zur Bordeira empor.
„Der Anblick von Ghon Ghon muss schrecklich sein, er ist riesig und hat Haare wie ein Affe und die Augen sprühen Feuer. Er ist der padrão der Vulkanhexen, die oben am Kraterrand leben. Im Dezember trifft er sich mit seinen bruxas in der Höhle, dann sollte man sie auf keinen Fall betreten. Aber gefährlich ist es immer, man weiß ja nicht, wo er gerade ist.“
„Und was ist mit den Räubern?“ wollte Djilo wissen.
„Tja, die waren irgendwann verschwunden. Vielleicht sind sie mit ihrer Beute einfach abgehauen, aber vielleicht ist ja auch was anderes passiert. Die Polizei hat sie jedenfalls nicht gekriegt.“
„Wie seid ihr eigentlich auf die Höhle gekommen?“ fragte Carlito neugierig. „Niemand redet darüber.“
„Tante Dita hat davon erzählt,“ sagte Djilo
„Das hätte sie mal besser nicht machen sollen.“
Der erste Teil des Weges zur Höhle Ghon Ghon war ein Ziegenpfad vorbei an einem alten Gemäuer, das vor langer Zeit mal ein kleiner Bauernhof gewesen war und längst aufgegeben wurde. Dann verlor sich der Pfad auf einem Plateau. Jetzt ging es nur noch querfeldein weiter, aber Djilo erinnerte sich an ein paar markante Stellen. Nach 50 Minuten kamen die Jungen zu einer ziemlich steilen Wand. Der Aufstieg bestand aus losem Sand mit ein paar eingesprengten größeren Steinen. Ganz oben stand auf einer Felsnase eine zerzauste Akazie, die sich ihre Kraft aus einer Felsspalte holte, in die sie ihre Wurzeln versenkt hatte.
„Da müssen wir rauf, hinter dem Gestrüpp ist der Eingang,“ sagte Djilo.

Kurz darauf standen die beiden etwas außer Atem vor einem etwa mannshohen Loch im Fels.„Na, denn viel Spaß, ich warte hier,“ sagte Tó.
„Wieviel Saft hat denn dein Handy noch?“
„Da drinnen ist doch sowieso kein Empfang.“
„Ich meine wegen der Lampe.“
„Ach so,“ entgegnete Djilo, „… äh … 73%“
Djilo stapfte los und schaltete die Lampe seines Handys ein. Er musste sich kurz bücken, um unter einem Felsüberhang hindurch zukommen, aber dann erweiterte sich die Höhle wieder und war etwa 3 Meter hoch. Der Boden war voller Schotter aber eben, das Gehen war einfach. Eigentlich war es auch keine Höhle, mehr ein Tunnel. Djilo ging etwa 100 Meter, überlegte es sich dann aber anders und kehrte noch mal zurück.
„Tó, es ist wirklich total easy, nun komm schon.“
Tó seufzte und setzte sich dann aber in Bewegung.
Nach ein paar Minuten versperrte ein größerer Felsbrocken den Weg. Daneben öffnete sich eine schmale Spalte, die ins Dunkel führte, der Hauptgang schien sich aber hinter dem Felsen weiter fortzusetzen. Djilo kletterte über den Fels hinweg und wollte schon weitergehen, da hörte er Tó hinter sich fluchen. Er richtete den Schein der Handylampe auf den Felsen und sah Tó auf dem Bauch liegen. Er war von dem Fels abgerutscht und hatte einen Flip Flop verloren.
„Ich glaube, ich habe mir meinen Fuß verknackst, so ein Mist.“
Djilo reichte Tó die Hand und half ihm auf. Gott sei Dank war Tós Handy unbeschädigt … und der Fuß offenbar auch.
„Na, geht’s?“
„Ja, ist nicht so schlimm, aber mir reicht’s, ich gehe zurück. Wo ist der verdammte Flip Flop?“
Die Beiden suchten den Boden mit ihren Handys ab.
„Guck mal, was ist das denn da,“ sagte Djilo.
Tó bückte sich und hob einen länglichen Gegenstand auf.
„Ein altes Messer, total verrostet.“
Er reichte es Djilo.
„Ist doch interessant, nehm ich mal mit.“
Djilo schob das Messer in die Hosentasche.
„Und hier ist auch dein Flip Flop.“
„Also, ich hau jetzt ab,“ sagte Tó.
Djilo erinnerte sich, dass er mal gehört hatte, man sollte Wanderungen in den Bergen niemals alleine machen und wahrscheinlich galt das auch für Höhlen. Also folgte er Tó zum Ausgang.
Eine Stunde später waren sie wieder im Haus von Tante Dita.
„Na, wie war’s? Räuber getroffen? Oder wenigstens ein paar goldene Ohrringe für Tante Dita gefunden?“
Djilo und Tó erzählten von der Höhle und dass man darin ganz bequem gehen könne. Sie seien aber nur ein paar hundert Meter weit gegangen.
„Carlito hat gesagt, dass die Höhle bis weit unter die Chã reicht.”
“Carlito?” fragte Tante Dita verwundert.
Darauf erzählten die beiden Jungen von ihrer Begegnung mit Carlito und den unglaublichen Geschichten, die Carlito zum besten gegeben hatte.
„Tja, viele hier halten das für wahr und ich bin mir auch nicht sicher, ob das alles nur Märchen sind.“ sagte Tante Dita nachdenklich.
Als Djilo am Montag aus der Schule kam, lag das Messer, das er in der Höhle gefunden hatte, auf dem wackeligen Küchentisch.
„Habe ich in deiner Hose gefunden, wo hast du das denn her?“
„Ach, habe ich ganz vergessen zu erzählen … das haben wir in der Höhle gefunden, wo Tó vom Felsen abgerutscht ist.“
Dita untersuchte das Messer genauer. Es hatte einen Holzgriff, die Klinge war verrostet, etwas verbogen und nur fünf Zentimeter lang.
„Ein typisches Hirtenmesser, aber wie kommt das in die Höhle? Kein Hirte treibt sich da rum und in dieser Höhle schon gar nicht,“ sagte Tante Dita.
„Guck mal, hier ist was eingeritzt … RXM … vielleicht die Anfangsbuchstaben von einem Namen.“
„Aber mit X?“ sagte Djilo „Ich kenne keinen Namen mit X … vielleicht soll es ja auch R+M heißen … Ronaldo Miranda oder so.“
„Ja,“ sagte Tante Dita, „kann sein.“
„Guck mal hier, das Messer aus der Höhle.“ Djilo stand mit Tó zusammen in der großen Pause auf dem Schulhof.
„Da ist was eingeritzt … RXM oder R+M … Tante Dita meint, das sind die Anfangsbuchstaben von einem Namen. Wem das wohl gehört hat? Wahrscheinlich lag es da schon ewig.“
„Gib mal her,“ sagte Tó, „ich zeige das meinem Vater, der beschäftigt sich mit solchen Sachen.“
Tós Vater Zé war Lehrer an der escola básica zwischen Cabeça do Monte und Cisterno und tatsächlich hatte er ein Hobby, die Geschichte der Insel Fogo. Er sammelte alles, was er an Büchern oder Schriften zu diesem Thema in die Finger bekommen konnte und notierte die Berichte der velinhos, der Alten aus der Nachbarschaft.
Zé drehte das Messer zwischen seinen Fingern hin und her.
„Wirklich interessant, wo habt ihr das genau gefunden?“
Tó erzählte die Geschichte von der Höhlenbesichtigung und merkte zu spät, dass er sich gerade um Kopf und Kragen redete. Er hatte beim Abschied am Samstag gesagt, er wolle Djilo bei Mathe helfen und nun hatte er gerade zugeben, dass sie am Nachmittag in der Höhle waren. Seinem Vater war das auch nicht entgangen.
„Und da in der Höhle habt ihr dann Mathe gemacht!?“
Vater Zé sah Tó streng an, aber das Messer fesselte seine Aufmerksamkeit zu sehr, als dass er sich jetzt mit der kleinen Lüge seines Sohnes auseinandersetzen wollte.
„Ich muss mal was nachgucken … RXM … das X … vielleicht Xavier … “ murmelte er.
Zé wühlte in einem Ordner mit der Aufschrift „Genealogia Teixeira Mendes“ und verglich verschiedene Seiten miteinander. Inzwischen war auch seine Frau Carla aus der Küche ins Wohnzimmer gekommen und schaute ihrem Mann über die Schulter.
„Mein Großvater – also dein Urgroßvater – war ein Mendes, Domingo Mendes. Er ist 2021 gestorben, du erinnerst dich bestimmt noch. Wir waren auf seiner Beerdigung in Cova Figueira. Er ist 76 Jahre alt geworden. Und seine Mutter Augusta …“
Zé raschelte wieder mit den Papieren,
„… seine Mutter Augusta hat hier in Cabeça do Monte gelebt. Aber weiter oben, dieses Haus gab es já noch nicht. Sie ist hier auch gestorben, das war 1947, in der Hungersnot – mit 24 Jahren. Da war ihr Sohn Domingo erst 3 Jahre alt, aber der hat überlebt. Und Augustas Vater …”
Zé fischte noch einen anderen Ordner aus dem Regal und blätterte darin,
“… ihr Vater … wurde auch hier geboren und getauft, 1905, und er hieß …“
Zé studierte ein Blatt mit handschriftlichen Notizen.
„… und er hieß … Rico Xavier Mendes … mein Ururgroßvater.“
„RXM,“ sagten Carla und Tó wie aus einem Mund.
„Ja,“ sagte Zé, „er war wohl freier Ziegenhirte, d.h. die Ziegen, die er hütete, gehörten keinem morgado, sondern ihm selber.
„Aber wie kommt sein Messer in die Höhle?“ überlegte Carla. „Früher waren die Leute doch noch viel abergläubischer als heute. Er ist bestimmt nicht freiwillig in die Höhle gegangen, viel zu viel Angst vor Ghon Ghon.“
„Hier habe ich noch eine Notiz gemacht,“ sagte Zé, „ dieser Rico ist 1948 einfach verschwunden. Hat sich scheinbar in Luft aufgelöst. Es gab auch eine Suchaktion der Polizei aus São Filipe. Aber man hat ihn nicht gefunden, weder lebendig noch tot. Das letzte Lebenszeichen stammt von einem Eduardo de Ribeiro. Der war Panhador de Purgeira, also er hat Purgiernüsse gesammelt und an die morgados verkauft. Und dieser Eduardo hat bei der Polizei zu Protokoll gegeben, dass er Rico oberhalb von Cisterno getroffen und ihm 15 Ziegen abgekauft hat. Rico soll dann mit den restlichen Ziegen weiter Richtung Achada Fora gegangen sein.“
„Jahrelang kein Regen.“ sagte Carla, „Deshalb sind die Hirten immer weiter nach oben gezogen, um morgens wenigstens etwas Tau zu finden für sich und die Tiere und vielleicht auch noch etwas trockenes Gras. Viele Ziegen sind gestorben oder mussten geschlachtet werden. Und wegen dem großen Krieg sind auch keine Fässer mehr aus den Staaten gekommen. Es müssen schreckliche Zeiten gewesen sein.“
Tatsächlich erhielten viele Familien traditionell einmal im Jahr per Seefracht ein bidão von Verwandten aus den USA. Die Fässer enthielten hauptsächlich unverderbliche Lebensmittel wie Reis oder getrocknete Bohnen, Stoffe und Bekleidung. Aber wegen der deutschen U-Boot Blockade im Zweiten Weltkrieg waren die Transporte praktisch zum Erliegen gekommen. Für die Versorgung der Kapverden war das eine Katastrophe und viele Menschen sind ihr zum Opfer gefallen. Erst 1948 liefen die Transporte langsam wieder an. Der Segelschoner „Ernestina“ war einer der ersten, der die Route nach dem großen Krieg wieder aufnahm.
„Nicht nur Tiere sind gestorben,“ warf Zé ein. „Viele Leute auch hier in Cabeça do Monte sind in diesen Jahren ums Leben gekommen. Die Zisternen waren leer, die Vorräte waren aufgebraucht, die Felder bestanden nur noch aus Staub – die Menschen waren völlig entkräftet, sind morgens einfach nicht mehr aufgestanden und einen Tag später waren sie tot. Deshalb wurde das Verschwinden eines Menschen auch nicht groß beachtet, der Tod war einfach überall.”
Tó lag noch lange wach. Die drastischen Schilderungen seines Vaters hatten ihn ziemlich mitgenommen. Und wie kam das Messer in die Höhle? Könnten Tiere es da hinein geschleppt haben? Ziemlich unwahrscheinlich. Oder Rico war doch in der Höhle gewesen und hatte das Messer dort verloren. Vielleicht hatte er ja gedacht, in der Höhle Wasser zu finden. Diese Hoffnung konnte stärker gewesen sein, als die Angst vor Ghon Ghon. Spät fiel Tó in einen unruhigen Schlaf.
Am nächsten Tag berichtete Tó seinem Freund von den vielen neuen Erkenntnissen, die er von seinem Vater erhalten hatte.
„Ein Ziegenhirte hier aus der Gegend hat das Messer verloren,“ sagte Djilo „und du bist auch noch mit ihm verwandt. Das ist schon verrückt. Aber was wollte er in der Höhle? … Vielleicht war er ja auch hinter dem Schatz der Räuber her…“ und nach einer Pause: „…wir sollten unbedingt noch mal in die Höhle und genauer nachsehen!“
„Ja, ok, aber mit Taschenlampe und Turnschuhen.“
„Ich habe keine Turnschuhe,“ entgegnete Djilo.
Zu Hause erzählte Djilo seiner Tante von den neuen Erkenntnissen, die der Vater von Zé herausgefunden hatte.
„Und dieser Rico ist tatsächlich ein Ururgroßvater von Tó … hatte eine eigene Ziegenherde, die hat er an einen Eduardo verkauft und ist einfach verschwunden, 1949. Und dieser Eduardo hieß genauso wie wir, de Ribeiro. Vielleicht sind wir ja auch mit dem verwandt.“
„Ja,“ sagte Tante Dita, „das kann gut sein. Ich spreche mal mit Onkel Balta in Brockton, der kennt sich gut aus mit unserer Familie – aber woher weiß Tós Vater das alles?“
„Geschichte ist sein Hobby, er hat sogar die Vermisstenanzeige von dem Ururgroßvater.“
Die zweite Erkundung
Dieses Mal musste Tó nicht überredet werden. Auch seine Neugierde war geweckt und außerdem kannten sie ja nun die Höhle Ghon Ghon schon – jedenfalls bis zu dem großen Felsen. Tó tauchte bei Djilo am Samstag um 9:00 auf und eine Stunde später standen sie am Höhleneingang. Tó hatte von seinem Vater eine kräftige Taschenlampe erhalten und die Ermahnung, keine Risiken einzugehen.
„Djilo ist ja ein netter Kerl,“ hatte er gesagt, „aber er ist auch chaotisch, lass dich nicht auf verrückte Ideen ein.“
Sie gingen langsam in der Höhle voran und leuchteten die Wände und den Boden ab. Irgendetwas auffälliges fanden sie aber nicht. Der Boden war eben und es gab auch keine nennenswerten Steigungen. Nach ungefähr 5 Minuten kamen sie an dem großen Felsbrocken an und hier leuchteten sie den Boden besonders gründlich ab, aber es gab nichts besonderes. Dann leutete Tó in die Felsspalte neben dem Fels. Dort lag ein länglicher Felsen, die ihnen zugewandte Seite geformt wie zwei menschliche Füße und auch der Rest ähnelte verblüffend einem menschlichen Körper, der halb auf der Seite lag. Djilo ging noch etwas näher und Tó leuchtete. Die Erkenntnis traf beide gleichzeitig wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Es war ein menschlicher Körper.
Djilo machte einen hastigen Schritt zurück und stieß gegen Tó, der mit offenem Mund wie erstarrt da stand.
Djilo fand als erster die Sprache wieder „Ob das der Ziegenhirte ist?“
„Ich hab noch nie einen Toten gesehen, Djilo,“ flüsterte Tó
„Ich auch nicht.“ entgegnete Djilo, der sich schnell von dem ersten Schrecken erholt hatte.
„Gib mir mal das Licht.“ Dann zwängte er sich durch den Spalt, darauf achtend, den Körper nicht zu berühren.
Djilo richtete den Lichtkegel auf den Körper. Die Beine der Gestalt waren leicht angewinkelt und die Arme umschlossen einen fußballgroßen Stein vor dem Gesicht, fast, als wolle er ihn umarmen. Ein grober Baumwollumhang hüllte den Oberkörper ein, steif und von einer dicken Staubschicht überzogen. Darunter eine einfache Hose, deren Stoff morsch wirkte als könne er jeden Moment ebenfalls zu Staub zerfallen. Die Bekleidung lag so eng am Körper an, als befänden sich unter dem Stoff nichts als Knochen. Die nackten Füße wirkten ebenfalls wie mit Pergamentpapier bespannte Gebeine.
Dann leuchtete Djilo auf das Gesicht der Gestalt und sein Magen krampfte sich zusammen.
Es wirkte wie eine Skulptur aus dunkelbraunem Leder. Die Haut war so straff über die Knochen gezogen, dass man jede Kontur des Schädels erkennen konnte, aus dem ein paar Haarbüschel ragten. Die Augenhöhlen waren tiefe, schwarze Krater, und der Mund stand einen Spalt weit offen. Die Lippen hatten sich zurückgezogen und entblößten die Zähne zu einem fratzenhaften Grinsen. Und über allem lag eine feine Schicht graubraunen Staubes.
„Djilo, laß uns hier weg,“ bat Tó von hinten.
„Einen Moment noch.“ Djilo hatte einen kleinen Stoffbeutel neben dem Kopf der Leiche entdeckt, der an einem Band befestigt war, das um den Hals des Toten lag. Es kostete ihn größte Überwindung, aber dann siegte die Neugierde. Djilo zog den Stoff an der Oberkante auseinander. Die Naht riss auf und er schüttete den Inhalt auf den staubigen Boden.
Vor ihm lagen einige Samen, die er nicht kannte, ein Rosenkranz aus Holzperlen, ein vielfach gefalteter Zettel, ein Amulett mit einem Bild der heiligen Jungfrau und eine kleine Blechdose. Den Zettel und die Blechdose stopfte Djilo in seine Hosentasche, die anderen Dinge tat er zurück in den Beutel.
„Nun komm schon, das ist hier kein guter Ort, wir müssen hier weg.“ Tó war immer unbehaglicher zumute.
Djilo stand auf, drückte sich wieder durch den Felsspalt und dann traten beide den Rückweg an.
Eine Stunde später saßen Djilo und Tó auf der Holzbank vor dem Haus von Tanta Dita.
„Und, habt ihr Fotos gemacht?“ Die beiden Jungen schauten sich an.
„Nein, darauf sind wir gar nicht gekommen,“ antwortete Djilo.
„Und was machen wir jetzt?“ fragte Tó.
Tante Dita, der sie alles erzählt hatten, strich sich über die Schürze.
„Na, wenn man eine Leiche findet, meldet man das der Polizei.“
„Ja, kannst du da mal anrufen, Tante Dita?“ fragte Djilo.
Tante Dita suchte die Nummer von der Polizeistation São Filipe auf ihrem Handy und unterhielt sich ein paar Minuten mit jemandem. Sie musste alles zweimal wiederholen, aber dann hatte der Beamte wohl verstanden, um was es ging.
“Keiner von denen kennt die Höhle Ghon Ghon.” sagte Tante Dita, “Sie schicken morgen um zehn zwei funcionários vorbei, um die Sache aufzunehmen. Denen müsst ihr dann die Stelle zeigen.“
„Hier guck mal, Tante Dita,“ sagte Djilo, „das habe ich in dem Beutel gefunden, den er um den Hals getragen hatte.“
Djilo holte den gefalteten Zettel und die kleine Tabakdose aus seiner Hosentasche und legte sie auf die Bank.
Zunächst öffnete er die Dose. Darin befand sich eine kleine Schachtel aus Holzfurnier. Das aufgeklebte Etikett zeigte eine Sonne und die Aufschrift Fósforos de Segurança, Sicherheitszündhölzer. Im Inneren der Schachtel lagen 8 dieser Zündhölzer mit einem dunkelbraunen Kopf, deren Besitz 1947 auf einen gewissen Wohlstand schließen ließ.
Dann entfaltete Djilo vorsichtig den Zettel, an dessen Faltstellen das Papier schon auseinander fiel. Es handelte sich um einen amtlichen Vordruck, der handschriftlich ausgefüllt war. Die Schrift war bräunlich und verblichen, aber noch lesbar. Das Dokument trug die Überschrift Certidão de Óbito, war also ein Totenschein.
Bescheinigt wurde der Tod von Augusta Amalia Neves Mendes am vierzehnten Tage des Monats Februar im Jahre neunzehnhundertsiebenundvierzig.
„Mein Vater hat Augusta Mendes erwähnt,“ sagte Tó, „ich glaube, sie war die Mutter von meinem Urgroßvater Domingo, der vor ein paar Jahren in Cova Figueira beerdigt wurde. Sie ist bloß 24 Jahre alt geworden und in Cabeça do Monte während der großen Hungersnot gestorben. Domingo ist dann wohl bei Verwandten aufgewachsen.“
„Guck mal hier,“ Dita deutete auf ein paar Zeilen weiter unten. „Da wird der Vater der Toten genannt: Ricardo Xavier Mendes … Er hat den Totenschein seiner Tochter bei sich getragen – o meu deus.“
Alle drei schauten sich betroffen an. Plötzlich hatte sie die weit zurückliegende Vergangenheit mit voller Wucht getroffen.
Tó, immer noch ziemlich mitgenommen von den Ereignissen des Tages, verabschiedete sich und ging nach Hause.
Zé und Carla schauten ihren Sohn erst erwartungsvoll und dann besorgt an, als sie seinen bekümmerten Gesichtsausdruck sahen.
„Junge, was ist passiert?“ fragte Carla. Tó schluckte.
„Wir haben eine Leiche gefunden, da wo auch das Messer lag.“ Und dann erzählte er die ganze Geschichte, ab und zu unterbrochen von Zé, der alles wie immer ganz genau wissen wollte.
„Da geht Rico in eine Höhle, obwohl er davor eine Heidenangst hat, zwängt sich durch eine Felsspalte und stirbt. So kann es ja wohl nicht gewesen sein,“ Zé lehnte sich auf dem Sofa zurück und dachte nach.
„Vielleicht war er schon tot und jemand hat ihn dorthin gebracht, um die Leiche zu verstecken. Und dabei ist das Messer aus seiner Tasche gefallen. Vielleicht wurde er ja sogar umgebracht.“
„Zé, so etwas solltest du nicht sagen.“ flüsterte Carla erschrocken.
„Auf jeden Fall müssen wir die Polizei verständigen.“ sagte Zé.
„Tante Dita hat das schon gemacht, sie kommen morgen und wollen sich das ansehen.“
Am nächsten Tag um 10:30 quälte sich eine Kolonne von drei Fahrzeugen den Berg hoch und hielt auf der Höhe von Ditas Haus, in dem Djilo und Tó bereits warteten. Aus dem ersten Wagen stiegen zwei Polizeibeamte aus, einer in Zivil und ein dicker in Uniform, der den Wagen gefahren hatte.
Dem zweiten Wagen entstieg ein Herr im weißen Kittel und mit einem kleinen Handkoffer, Dr. Andrea Bianchi vom Hospital São Francisco de Assis.
Im dritten Wagen, einem klapprigen Toyota mit kaputtem Auspuff, saß Ulisses. Er war der Regionalreporter der Nachrichtenagentur Inforpress. Im wurden beste Kontakte zur Polizei nachgesagt und so hatte er von der Sache Wind bekommen.
Die beiden Polizisten begrüßten Dita und die Jungen und stellten sich als Commisário Manuel Almeida und Agente Admilson Varela vor. Letzterer blickte zur Bordeira hinauf und erklärte, er werde beim Wagen bleiben und den Kontakt zur Zentrale halten.
Nach einer kurzen ersten Befragung setzte sich die kleine Karawane zu Fuß in Richtung Höhle in Bewegung. An der Spitze Djilo und Tó, dann Comissário Almeida und Dr. Bianchi. Und jetzt stieg auch Ulisses aus seinem Wagen aus und folgte der Gruppe in einigem Abstand.
Die dritte Erkundung
Der Weg dauerte dieses Mal deutlich länger. Dr. Bianchi war zwar ein großer und schlanker Mann, aber um seine Kondition war es nicht gut bestellt und immer wieder musste die Gruppe auf seine Bitte hin eine Pause einlegen. Seinen Arztkoffer hatte er schon vor einiger Zeit an Djilo abgegeben, der ihn mit großer Vorsicht trug. Als sie an dem letzten steilen Anstieg angekommen waren, blickte Dr. Bianchi zu der Akazie hoch und strich sich verzweifelt über das Haar. Dann seufzte er und machte sich als erster an den Aufstieg.
Auch Ulisses hatte Probleme, der Gruppe zu folgen und war Dr. Bianchi wegen der Pausen sehr dankbar. Aber wenn das stimmte, was die beiden Jungen erzählt hatten, könnte es nicht nur ein kurzer Bericht, sondern eine größere Reportage werden – und wer weiß, vielleicht konnte er sie sogar an eine der drei großen Wochenzeitschriften verkaufen. Diese Aussicht war sehr motivierend, aber der Aufstieg zum Höhleneingang entschieden zu viel. Als Ulisses die Gruppe am Fuße des sandigen Abhangs schwer atmend erreicht hatte, schärfte er Tó ein, auf keinen Fall zu vergessen, Fotos zu machen.
Die Vierergruppe stand vor dem Eingang der Höhle Ghon Ghon und Comissário Almeida zog einen Block aus der Tasche und notierte Ort und Uhrzeit. Dr. Bianchi keuchte noch, lächelte aber schon wieder. Immerhin hatte er gerade die größte körperliche Herausforderung der letzten Jahre bestanden. Tó und Djilo warteten gespannt, wie es nun weiter gehen würde.
„Mein Vater meint, es könnte vielleicht sogar ein Mord sein,“ flüsterte Tó Djilo zu.

„Ja, dann zeigt uns mal den Weg,“ sagte der Comissário, schaltete seine Taschenlampe ein und deutete mit einer Handbewegung an, dass Djilo und Tó vorangehen sollten. Dr. Bianchi betrat die Höhle als letzter. Er hatte seinen Arztkoffer wieder an sich genommen.
Für Djilo und Tó war der Weg im Dunkel mittlerweile schon vertraut. Die Lichtkegel der Lampen geisterten über die Höhlenwände und an manchen Stellen waren die Steine so glatt geschliffen, dass sie das Licht reflektierten.
Nach einigen Minuten bat Dr. Bianchi um eine kurze Pause. Diesmal aber nicht, um zu verschnaufen, vielmehr holte er ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche, entzündete es und hielt es in die Höhe. Die Flamme brannte ruhig und aufrecht.
„Kein Luftzug,“ konstatierte er und ging weiter.
Kurz darauf kamen sie zu dem großen Felsen und Djilo deutete auf die Spalte daneben.
„Wir sind da,“ sagte er, „er liegt direkt hinter dem Eingang.“
Dr. Bianchi und der Comissário leuchteten durch den Spalt und dann schauten sie sich an.
„Ich gehe zuerst rein und mache ein paar Fotos,“ sagte der Comissário, dann können Sie in Ruhe ihre Arbeit machen.“
Er zwängte sich durch den Spalt und Dr. Bianchi leuchtete von außen auf den Leichnam. Tó und Djilo standen neben dem Felsen und sahen schemenhaft die Gestalt des Polizisten, der sich gebückt um den auf dem Boden liegenden Körper bewegte und die Blitze seiner Kamera. Nachdem der Comissário den Spalt wieder durchquert hatte, öffnete Dr. Bianchi seinen Koffer, nahm ein Paar weißliche Plastikhandschuhe heraus und streifte sie über.
„Ich gehe jetzt rein, wenn Sie mir dann bitte meinen Koffer reichen könnten – und bitte weiter leuchten.“
Dr. Bianchi kniete neben der Leiche. Er öffnete seinen Koffer, entnahm ein Diktiergerät und leuchtete den reglosen Körper mit seiner Taschenlampe von allen Seiten systematisch ab. Dann begann er, seine Beobachtungen zu protokollieren.
„ Dr. Bianchi, Insel Fogo, Kapverden, Höhle genannt Ghon Ghon in geschätzt 1600 Metern Höhe, geschätzt 400 Meter im Inneren. Temperatur …“
er kramte wieder in seiner Tasche und förderte ein Thermometer zu Tage …
“Temperatur 15° Celsius, vermutlich ganzjährig relativ konstant, keine Luftbewegung, Luftfeuchtigkeit geschätzt gering.“
Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:
„Eine Leiche, bedeckt mit einer dünnen Staubschicht, nach Körperstruktur und Bekleidung vermutlich männlichen Geschlechts, Alter zwischen 30 und 50 Jahren, in Seitenlage rechts, Beine leicht angewinkelt, Kopf liegt im Nacken, die Arme nach vorne ausgestreckt. Bekleidet mit einer Hose und einer Jacke vermutlich aus Baumwolle, Originalfarbe nicht mehr erkennbar, barfuß. Neben dem Körper liegt ein Stoffbeutel, den der Tote um den Hals getragen hat.
Der Körper bietet alle Anzeichen einer abgeschlossenen Mumifizierung. Ein Geruch ist nicht wahrnehmbar. Die sichtbare Haut ist lederartig, dunkelbraun und klebt direkt am Skelett. Eine starke Auszehrung vor dem Tod ist wahrscheinlich. Augäpfel eingetrocknet. Lippen zurückgezogen, Gebiß nicht mehr vollständig, es fehlen zwei Molare im Unterkiefer und ein Schneidezahn im Oberkiefer. Haarbüschel auf dem Schädel. Mumifizierung durch Dehydration bei geringer Luftfeuchtigkeit.“
Dr. Bianchi legte das Diktiergerät aus der Hand und begann, den Körper abzutasten. Vorsichtig öffnete er die Jacke, legte zwei Finger auf die Brust des Toten und klopfte mit der anderen Hand darauf. Dann griff er wieder zu dem Diktiergerät.
„Thorax klingt hohl. Keine Anzeichen von verflüssigtem Gewebe.“
Als nächstes tastete Dr. Bianchi den Kopf ab. Als seine Finger unter den Schädel glitten, blies er einen scharfen Luftstoß durch die Zähne. Dann diktierte er:
„Deprimierte Schädelfraktur im Bereich des Os occipitale. Vermutlich durch stumpfe Gewalteinwirkung oder einen Sturz.“
Der Comissário, der die Untersuchung der Leiche durch die Felsspalte gebannt verfolgt hatte, konnte seine Neugier nicht zurückhalten:
„Doktor, was bedeutet das?“
„Der Tote könnte gestürzt sein und ist dann rücklings mit dem Hinterkopf auf einem Felsen aufgeschlagen. Dafür ist die Verletzung aber eigentlich zu massiv. Vermutlich wurde er erschlagen, wahrscheinlich wurde ihm ein Stein mit viel Kraft auf den Hinterkopf geschmettert.“
Djilo blickte auf Tó.
„Erschlagen,“ flüsterte er ungläubig.
„Wenn sie zustimmen, Comissário, schneide ich den Beutel ab,“ sagte Dr. Bianchi, „den können wir mitnehmen.“
Der Comissário nickte.
Dr. Bianchi holte eine Schere aus seiner Tasche, durchtrennte den Faden, mit dem der Beutel um den Hals des Toten hing und verstaute ihn in einer Plastiktüte. Dann erhob er sich, reichte dem Comissário seine Tasche und zwängte sich durch den Spalt.
„Das war es erst mal, mehr kann ich im Moment nicht tun.“
Der Rückweg durch die Höhle verlief schweigend. Als sie wieder im grellen Sonnenlicht standen, an das sich die Augen erst einmal gewöhnen mussten, sagte der Comissário:
„Ich werde jetzt meinen Bericht machen und dann muss Richter Lopes entscheiden, wie es weitergeht.“
„Ja,“ sagte Dr. Bianchi, „ der Körper ist sehr zerbrechlich, es wird enorm schwierig, ihn ins Tal zu schaffen, ohne ihn zu zerstören. – Und noch etwas: es ist höchst unwahrscheinlich, dass der Mann dort zu Tode gekommen ist, wo wir ihn gefunden haben, dafür ist der Raum hinter dem Spalt viel zu klein.“
Am Fuße des sandigen Abhangs trafen sie auf Ulisses, der sich unter einer Jacaranda niedergelassen hatte und sie gespannt erwartete.
Er trat an Tó heran.
„Na, was gibt es Neues?“
Tó schaute unsicher zum Comissário. Der zuckte nur mit den Schultern.
„Ja, also … der Mann wurde erschlagen.“
„Ein Mord?“ Dann würde es bestimmt eine lukrative Reportage werden.
„Mal langsam,“ sagte der Comissário, der dazu getreten war. „Erstens ist ein Unfall noch nicht ausgeschlossen und zweitens: auch wenn der Mann erschlagen wurde, ist der Tathergang ungeklärt.“
„Und was ist mit den Fotos?“ Ulisses blickte Tó erwartungsvoll an.
„Daran habe ich überhaupt nicht mehr gedacht,“ sagte Tó, „aber der Comissário hat welche.“
Ulisses verdrehte die Augen.
„Ja, und das wollte ich Ihnen noch geben,“ sagte Tó an den Comissario gewandt und zog das Messer aus der Tasche.
„Das haben wir vor dem Felsen gefunden, vielleicht gehört es dem Toten.“
Der Comissário nahm das Messer und betrachtete es eingehend.
„RXM …“ und an Tó gewandt: „Also direkt vor der Felsspalte?“
„Ja,“ antwortete Tó, „es lag da auf dem Boden.“
„Mein Vater meint, es könnte vielleicht einem Rico Xavier Mendes gehört haben.“
„Woher will er das denn wissen?“
„Mein Vater beschäftigt sich mit so alten Geschichten, das ist sein Hobby.“ erklärte Tó. „Und Rico Xavier Mendes ist sein Ururgroßvater.
Eine Stunde später kam der Trupp wieder bei den Autos an, die am Straßenrand geparkt waren. Ulisses stieg als erster ein, Dr. Bianchi und Comissário Almeida besprachen noch das weitere Vorgehen, dann stiegen auch sie in ihre Fahrzeuge und die Kolonne setzte sich wieder in Bewegung.
Djilo saß zusammen mit Tante Dita auf der Bank und erzählte von dem aufregenden Nachmittag in der Höhle. Tó war bei Dr. Bianchi eingestiegen. Der hatte ihm angeboten, ihn bis zu seinen Eltern mitzunehmen und Tó hatte das gerne angenommen.
„Erst die Leiche von Tós Ururgroßvater und jetzt ist es auch noch ein Mord. Und das hier in Cisterno – unglaublich!“ entfuhr es Dita.
„Aber Djilo,“ fügte sie hastig hinzu, „dann müsst ihr den Totenschein und auch die Blechdose sofort zur Polizei bringen. Die untersuchen ja jetzt einen Mordfall.“
Auch die Eltern von Tó warteten schon gespannt auf die Neuigkeiten, die ihr Sohn sicher zu erzählen hatte.
„Es war wohl tatsächlich ein Mord,“ sagte Tó, „auf jeden Fall hat der Arzt ein Loch im Kopf der Leiche gefunden. Er hat gesagt, es könnte auch ein Sturz gewesen sein. Das ist aber unwahrscheinlich. Wahrscheinlich ist, dass der Mann erschlagen wurde. Auf jeden Fall war noch eine zweite Person beteiligt.“
„… die Ricos Leiche zu dieser Stelle gebracht hat … wahrscheinlich war sie es auch, die Rico erschlagen hat.“ Zé betrachtete die Angelegenheit von ihrer sachlichen Seite, während Carla ziemlich erschüttert war.
„Die Polizei hat ja damals nach Rico gesucht, aber auf die Höhle sind sie nicht gekommen, wahrscheinlich wussten sie gar nichts von ihr,“ sagte Zé.
„Auf jeden Fall müsst ihr die Beweisstücke gleich morgen zur Polizei bringen. Dann kommt ihr eben mal zu spät zur Schule.“
Die Theorie
Tó und Djilo saßen in einem tristen Raum in der Esquadra da Polícia von São Filipe. Der Raum war klein, es gab nur ein schmales Fenster in 2 Meter Höhe und an der Decke brannte eine Neonröhre. An vielen Stellen war die ehemals hellblaue Farbe durch Salpeterausblühungen von den Wänden abgeplatzt. In dem Raum stand ein Schleiflacktisch mit abgestoßenen Ecken, ein Stuhl dahinter und vier Stühle davor. Auf zweien von diesen saßen Djilo und Tó. Vor 20 Minuten waren sie auf der Polizeistation erschienen und hatten darum gebeten, mit Comissário Almeida sprechen zu dürfen. Jetzt warteten sie.
Nach weiteren 15 Minuten betrat der Comissário den Raum.
„Hallo,“ begrüßte er die Jungen freundlich. „Gibt es Neuigkeiten?“
„Ja,“ sagte Djilo, „wir haben bei dem Mann in der Höhle noch Sachen gefunden. Ich habe den Beutel aufgemacht, und das war drin …“
Djilo zog das gefaltete Papier und die Blechdose aus der Hosentasche.
„Das hättest du eigentlich nicht tun sollen, aber naja …“
Der Comissário öffnete die Dose und die Zündholzschachtel, betrachtete den Inhalt und dann entfaltete er vorsichtig das Dokument.
„Ein Totenschein von 1947… und beides war also in dem Beutel, den der Tote um den Hals trug?“
„Ja.“
„und das habt ihr am Samstag gefunden, also bevor wir dort waren?“
„Ja.“
„Habt ihr noch mehr gefunden? Vielleicht in den Taschen?“
„Nein, den Mann haben wir nicht angefaßt,“ sagte Djilo, „und die anderen Sachen haben wir in den Beutel zurück getan.“
„Gibt es sonst noch etwas wichtiges, das ihr mir erzählen solltet?“
„Eigentlich nicht …“ überlegte Tó „… mein Vater glaubt, dass dieser Rico sein Ururgroßvater ist.“
„Also dein Urururgroßvater?“
„Ja … mein Vater hat noch alte Papiere, dieser Rico ist wohl 1948 einfach verschwunden, wurde nie gefunden.“
„Bis jetzt“ nickte der Comissário, „danke für eure Mitarbeit.“ Er erhob sich.
„Dann mal los zur Schule.“
„Habt ihr die Sachen abgegeben?“ fragte Zé beim Abendessen.
„Ja, beim Comissário.“
„Und … hat er noch was gesagt?“ fragte Zé.
„Nein, er hat nur gefragt, wo wir die Sachen gefunden haben.“ antwortete Tó.
„Ich finde, Rico sollte in São Lourenzo beerdigt werden,“ sagte Carla unvermittelt.
„Was?“ von diesem Gedankensprung war Zé ziemlich überrascht.
„Dein Urgroßvater muss doch beerdigt werden und in São Lourenzo ist der nächste Friedhof. Außerdem hat Eva auf der Beerdigung von Domingo gesagt, dass sie auch in São Lourenzo beerdigt werden möchte, wenn es mal soweit ist.“
Eva war die Mutter von Zé und lebte mit ihrem Mann Felipe direkt an der Strasse nach Cisterno. Sie betrieb mit ihrem Mann eine kleine Landwirtschaft und machte den Eindruck, dass sie mindestens 100 Jahre alt werden würde.
„Ja, aber vorher kommt Rico sicher noch zur Untersuchung ins Krankenhaus nach São Filipe,“ meinte Zé, „immerhin ist er ja vermutlich ermordet worden.“ Und nach einer Weile:
„Ich habe mir das noch mal überlegt … Rico wurde erschlagen, das ist ziemlich sicher, aber von wem? Und warum? In der Vermisstenanzeige steht, dass ein Eduardo de Ribeiro ihn als letzter gesehen hat und ihm seine Ziegenherde abgekauft hat … das hat dieser Eduardo gesagt, aber es muss ja nicht stimmen. Es könnte doch sein, dass Eduardo Rico umgebracht hat, um an die Ziegenherde zu kommen. Und dann hat er die Leiche in der Höhle versteckt, weil er wusste, dass die Leute aus lauter Angst vor Ghon Ghon da nicht reingehen werden, wenn sie nach Rico suchen. Eduardo hat als Beruf „Purgiernusssammler“ angegeben. Ich glaube kaum, dass er damit soviel Geld verdient hat, dass er davon eine Ziegenherde kaufen konnte.“
„Aber wie soll er den Körper diesen steilen Abhang hinauf gekriegt haben?“ warf Tó ein.
„Musste er vielleicht gar nicht. Möglicherweise waren beide gemeinsam auf Schatzsuche, so wie du und Djilo. Bestimmt kannten sie die Geschichte von den Räubern und dem Schatz und deshalb waren sie in der Höhle. Rico wollte über den Felsen klettern und Eduardo hat ihm von hinten den Schädel eingeschlagen und dann brauchte er ihn nur noch ein paar Meter in die Felsspalte zu ziehen … und bei der Polizei hat er erzählt, er hätte Rico die Ziegen abgekauft und der wäre dann weiter gewandert.“
„Ja, so könnte es gewesen sein,“ meinte Carla, „aber genau wird man es wohl nie wissen.“
„Nein,“ sagte Zé, „ist nur eine Theorie …“
„Weißt du, was mein Vater glaubt, wer Rico ermordet hat!?“ Tó war gerade mit Djilo und Tante Dita aus Zezinhos Hiace ausgestiegen und er wollte die Neuigkeit sofort loswerden.
„Es könnte ein Purgiernusssammler namens Eduardo de Ribeiro gewesen sein.“ Und dann berichtete Tó die ganze Theorie seines Vaters.
Dita stand daneben mit dem Korb auf dem Kopf und war ziemlich bleich geworden.
„Meine Mutter hat mal von ihrem Großvater erzählt,“ sagte sie. Der ist nach dem großen Krieg in die USA ausgewandert. Da war sie noch gar nicht geboren, aber sie hat seinen Namen gesagt: Eduardo.“
Der Gedanke ließ Dita nicht mehr los: ‚Mein Urgroßvater ein Mörder?‘
Am nächsten Tag gegen Mittag suchte Dita den Sohn von Balta in ihren whatsapp-Kontakten, „Jack de Ribeiro,“ murmelte sie, „ … jetzt ist es 9:00 in Brockton, Balta ist mit dem Frühstück fertig, die richtige Zeit für einen Anruf.“
„Hi“ sagte eine jugendliche Stimme.
„Hallo, hier ist Dita von Fogo, bist du das, Jack?“
„Ja … alles gut bei euch?“
„Ja, alles bestens, Djilo ist noch in der Schule … hör mal Jack, ist Balta in der Nähe?“
„Er guckt schon wieder fernsehen, aber ich gebe ihm mal das Handy …
… Balta, hier ist Dita für dich.“
„Dita?“
„Ja, ich bin’s, wie geht’s dir?“
„Diese Frage solltest du einem alten Mann nie stellen,“ sagte Balta „ … altersentsprechend – Was gibt’s?.“
Dita musste grinsen. Balta war offenbar noch immer der alte.
„Dein Enkel Djilo hat eine Leiche gefunden, in der Höhle Ghon Ghon.
„ … Leiche … Höhle Ghon Ghon … hilf mir mal auf die Sprünge.“
„Diese Höhle in der Felswand … von Cisterno nach Achada Fora und dann nach links.“
„Jaa …“ kam es gedehnt von Balta, „ich erinnere mich vage, aber da war ich nie … eine Leiche?“
„Ja, die liegt da wohl schon seit fast 80 Jahren, aber gut erhalten … mumifiziert hat der Arzt gesagt. Und der Mann wurde ermordet, erschlagen.“
Und dann erzählte Dita alles, was in den letzten Tagen passiert war.
„Und Zé, der Vater von Djilos Freund glaubt, dass der Mann, der Rico erschlagen hat, dieser Purgiernusssammler gewesen sein muss. Er wollte die Ziegenherde haben, hatte aber kein Geld. Und weißt du, wer das ist!? Dein Großvater Eduardo.“
Eine zeitlang blieb es still in Brockton.
„Mein Vater hat mir von Eduardo erzählt. Alle nannten ihn Dú. Er ist 1949 hierher ausgewandert. Da war ich erst vier Jahre alt und ich kann mich nicht an ihn erinnern. Als ich dann hier angekommen bin, das war 1995, da war er schon lange tot.
Er muss ein komischer Mensch gewesen sein, sehr verschlossen, hat kaum geredet. Eigentlich auch kein Wunder, wenn man immer allein oben in den Bergen rumläuft … ich erinnere mich, dass mein Vater Djo mal gesagt hat, dass Dú im letzten Jahr auf Fogo eine Ziegenherde hatte und alle haben sich gewundert, woher er das Geld hatte, um sie Rico abzukaufen. Und gleichzeitig war Rico verschwunden … Gerüchte gab es wohl schon, aber zu der Zeit kämpften ja alle ums nackte Überleben, da war sowas nicht wichtig.
Ja und dann hat Dú seine Ziegen verkauft und von dem Geld hat er 1949 eine Passage auf der Ernestina gekauft. Ich glaube es war ihre erste Fahrt überhaupt von den Kapverden nach Providence. Eine Überfahrt kostete 12 Escudos damals, wenn man als Deckshand arbeitete und das wird Dú wohl gemacht haben. Stauen der Ladung im Hafen Vale dos Cavaleiros, Decksarbeiten, Segel setzen, schlafen mit Läusen und Ratten im Frachtraum und zum Schluß entladen am State pier in Providence. Diese Fahrt begann im Mai 1949 und hat ungewöhnlich lange gedauert, über zwei Monate, sie sind erst am 8. August angekommen, vielleicht hatten sie Flaute.“
„Und was hat Eduardo in den USA gemacht?“ fragte Dita.
„Soweit ich gehört habe, war er ein Einzelgänger, hatte wenig Kontakt, auch keine Familie … er hat auf einem Fischtrawler gearbeitet. Seiner Frau Felicitas und unserer ganzen Familie hat er jedes Jahr ein bidão geschickt. Das Fass wurde sehnsüchtig erwartet, daran kann ich mich noch gut erinnern, das war jedes mal ein Fest … und Dú wurde deswegen hoch geschätzt … meine Großmutter Felicitas muss er sehr geliebt haben. Sie ist 1969 gestorben und Dú dann kurz darauf auch.“ Und nach einer langen Pause sagte Balta sehr nachdenklich:
„Ihr glaubt wirklich, dass Dú einen Menschen erschlagen hat? Das kann ich mir nicht vorstellen.“
„Vielleicht hatte er ja die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen und hat versucht, es irgendwie wieder gut zu machen,“ sagte Tante Dita, „ohne die Ziegen hätte er die Passage in die USA niemals bezahlen können.“
Richter Lopes
Richter Lopes hatte den Bericht von Comissário Almeida schon zwei mal gelesen. Konkret und sachlich, es gab nichts auszusetzen … und was für eine Geschichte. Ein Mord oben in den Bergen – daran konnte man kaum zweifeln – und das vor 80 Jahren.
Heute war auch der ärztliche Bericht gekommen. Wenig Details, aber die konnte man von einer Untersuchung unter diesen Umständen auch nicht erwarten. Unzweifelhaft war die tödliche Schädelfraktur aufgrund von stumpfer Gewalteinwirkung. Dr. Bianchi bat um Zustimmung zur Verlegung der Leiche ins italienische Krankenhaus, da hätte er viel bessere Möglichkeiten.
Auf dem Schreibtisch von Richter Lopes lag unter anderem auch die letzte Ausgabe der Wochenzeitschrift „Expresso das Ilhas“. In dicken Lettern auf der Titelseite: „Hungermord auf Fogo“ von Ulisses Pereira. Und darunter etwas kleiner „Mumienfund in der Höhle Ghon Ghon“. Richter Lopes hatte den Artikel bereits gelesen und nur mit dem Kopf geschüttelt.
Er kramte in seinem Gedächtnis: auf Teneriffa hatte es schon vor Jahrtausenden Bestattungen in Höhlen gegeben, viele dieser Mumien waren in den letzten Jahrhunderten gefunden und geborgen worden und die meisten wurden auf dem Transport zerstört oder schwer beschädigt. Er wühlte sich durch die einschlägigen Internetseiten zu diesem Thema.
Technisch wäre eine erfolgreiche Bergung vermutlich möglich. Man bräuchte einen hermetisch abschließbaren Behälter, der Boden müsste unter den Körper geschoben werden und dann müsste die Mumie luftdicht unter einem Deckel eingeschlossen werden, um das Mikroklima zu erhalten, Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit. Der Behälter müsste dann unter Vermeidung von Erschütterungen und mit größter Vorsicht zum Höhleneingang gebracht und von dort mit einem Helikopter ins Krankenhaus transportiert werden. Dort müsste aber vorher ein ebenfalls hermetisch abgeschlossener Raum mit einer Sicherheitsschleuse geschaffen werden, in dem das Klima, das in der Höhle herrschte, nachgebildet werden könnte. Dann könnte der Behälter dort für weitere Untersuchungen geöffnet werden.
Ob Dr. Bianchi eigentlich klar war, welcher Aufwand erforderlich wäre? Natürlich konnte man die Bergung auch weniger aufwändig durchführen, aber wenn die Leiche dabei beschädigt würde, säße man in der Bredouille.
Aus kriminalistischer Sicht bezweifelte Richter Lopes, dass eine Bergung der Mumie und eine eingehende Untersuchung noch wichtige zusätzliche Erkenntnisse liefern würde, die zu einer Identifizierung des mutmaßlichen Täters führen könnten. Und die Identität der Leiche war ja geklärt.
Dann fiel Richter Lopes ein, dass Comissário Almeida eine Suchaktion erwähnt hatte, die die Polizei damals durchgeführt hatte, nachdem man Rico Mendes schon Monate nicht mehr gesehen hatte. Er rief seine Sekretärin:
„Schauen Sie doch mal im Archiv nach, ob wir noch Protokolle von 1948 und 1949 haben.“ Das Archiv war in den 90er Jahren umgezogen und dabei war einiges verloren gegangen, aber vielleicht gab es ja doch noch etwas.
Und er hatte tatsächlich Glück. Nach 20 Minuten brachte seine Sekretärin zwei Aktenordner: „Einsatzprotokolle 1948“ und „Einsatzprotokolle 1949“
Richter Lopes blätterte durch die Seiten, viele waren handgeschrieben. Das meiste waren Lebensmitteldiebstähle, Überfälle, Betrug, Vergewaltigung, Randalieren, Körperverletzung usw.
Im zweiten Ordner fand er, was er suchte, eine Vermißtenanzeige vom 14. Januar 1949 aufgegeben von Margarida Neves Mendes, Ehefrau des Ricardo Xavier Mendes.
Vermißt wird Ricardo Xavier Mendes, freier Ziegenhirte, zuletzt gesehen von Margarida Neves Mendes Ende November 1948 am Morgen des … genaues Datum unbekannt, und zuletzt gesehen von Eduardo de Ribeiro Anfang Dezember 1948 am Mittag des … genaues Datum unbekannt. Eduardo de Ribeiro gibt an, 15 Ziegen von der vermissten Person erworben zu haben. Der Kauf fand ca. 1500 Meter unterhalb von Achada Fora statt, der Vermisste setzte seinen Weg dann laut Eduardo de Ribeiro mit den restlichen Ziegen in Richtung Bordeira fort.
Die Suche fand am 17. Januar 1949 im Bereich zwischen Cisterno und Achada Fora statt. Insgesamt 7 in dieser Region lebende Personen wurden zum Verbleib des Ricardo Xavier Mendes befragt. Niemand hatte ihn gesehen oder konnte sonstige sachdienliche Hinweise zum Aufenthaltsort von Ricardo Xavier Mendes machen. An der Suche waren 5 Polizisten und einige Privatpersonen beteiligt. Sie wurde bei Einbruch der Dunkelheit erfolglos abgebrochen.
Margarida Neves Mendes beantragte 1958, Ricardo Xavier Mendes für tot erklären zu lassen. Dem Antrag wurde stattgegeben. Margarida Neves Mendes heiratete daraufhin erneut.
Richter Lopes blickte an die Zimmerdecke. ‚Der Fall war 80 Jahre alt, alle möglichen Zeugen und auch der Täter gestorben, heute ginge es nur noch um Hörensagen, also eine bessere Märchenstunde. Die Aussicht, da noch weiter zu kommen, war gleich Null.‘
„Rufen Sie mal Furtado an,“ bat er seine Sekretärin.
Vereador Furtado war Stadtrat für Kultur, Familie, Jugend und Sport. Beide kannten sich schon ewig.
„Oi, Joaquim, alles gut bei dir? … Ja, ja, alles bestens … Sag mal, hast du schon von der Leiche oben bei Achada Fora gehört? … Ja, OK, … ja, ziemlich sicher ein Mord, … vor 80 Jahren … also von meiner Seite aus gibt es keine Notwendigkeit, den Fall noch mal neu aufzurollen, kommt sowieso nichts bei raus. Aber ich habe da eine Idee …“
Dann entwickelte Richter Lopes seine Vorstellung vom weiteren Vorgehen: die Mumie würde in situ belassen, also überhaupt nicht bewegt. Damit wären alle Transport- und Konservierungsprobleme gelöst. Und auch die Frage der Finanzierung der Bergung stellte sich dann gar nicht. Die Leiche hatte 80 Jahre dort überdauert und würde es sicher auch weiterhin. Wenn die Wissenschaft noch mehr Untersuchungsbedarf haben sollte, müsste in diesem Fall mal der Hund zum Knochen kommen.
Der Zugang zur Höhle sollte sofort mit einem Band und per richterlicher Verfügung gesperrt werden. Zeitnah sollte dann ein Gitter mit einem abschließbaren Tor den Höhleneingang absichern. Es läge dann im Ermessen der Stadtverwaltung, einzelnen Personen oder Personengruppen Zutritt zu gewähren. Natürlich müsste dabei das Recht auf Totenruhe und die Würde des Verstorbenen berücksichtigt werden und der Anblick einer Leiche sei ja auch nicht jedermanns Sache …
Vereador Furtado war sofort einverstanden. Eine unschätzbare Bereicherung der kulturellen Vielfalt der Insel Fogo! Die Existenz einer Mumie in ihrem natürlichen Umfeld würde weit über die Landesgrenzen hinaus Schlagzeilen machen. Experten aus aller Welt würden Rico Xavier Mendes ihre Aufwartung machen. Und eine Mumie in ihrer natürlichen Umgebung war viel eindrucksvoller, als in einem Glaskasten des Museu Etnográfico da Praia. Vielleicht sollte man auch Touristen zulassen, aber das war ein heikles Thema … Gott sei Dank war der Weg zur Höhle Ghon Ghon sehr beschwerlich … andererseits … jedes Jahr bestiegen Tausende den Pico do Fogo und das war ja noch anstrengender … es gab viel zu bedenken.
Epilog
Djilo fischte ein Holzstück aus seiner Hosentasche, an dem ein Sicherheitsschlüssel baumelte. Damit entriegelte er die Gittertür, mit der der Höhleneingang verschlossen war.
„So, es kann los gehen,“ sagte er an die Lehrerin und den Lehrer gewandt, die hinter ihm standen. Die blickten auf ihre Klasse. Es war die decima segunda, die Abschlussklasse der escola secundária von São Filipe. Mit zwei Bussen waren sie bis zu dem Platz gefahren, wo vor ziemlich genau zwei Jahren auch Comissário Almeida und Dr. Bianchi geparkt hatten. Djilo hatte die Schüler dort bereits erwartet, sich kurz vorgestellt und dann hatte er die Gruppe über die Ziegenpfade zur Höhle Ghon Ghon geführt. Nach dem Anstieg über den sandigen Abhang hatten sich alle vor dem vergitterten Eingang versammelt.
„Wir machen es also wie besprochen,“ sagte der Lehrer. „Drei Gruppen á 9 Schüler, eine Gruppe geht mit einem Lehrer und Djilo in die Höhle, die anderen warten hier. Wir haben fünf Taschenlampen, wer eine Taschenlampe hat, muss so leuchten, dass auch die ohne Lampe genügend sehen können. Handys dürfen nicht mit in die Höhle genommen werden, die müssen hier abgegeben werden.“
Die letzte Bemerkung löste ein unwilliges Murren aus. Aber das Handyverbot war eine der Regeln, die die Stadtverwaltung für den Besuch der Höhle festgelegt hatte. Dazu gehörten auch: maximale Gruppengröße von 10 Personen, Mindestalter 16 Jahre und bei Minderjährigen eine schriftliche Einverständniserklärung der Eltern. Außerdem war das Berühren der Mumie strengstens verboten und es war ein Mindestabstand von einem Meter einzuhalten. Eine pädagogische Vor- und Nachbereitung bei einem durch eine Schule organisierten Besuch war obligatorisch, um sensiblen Schülern eine begleitete Verarbeitung ihrer Eindrücke zu ermöglichen.
Djilo ging voran, es folgten die neun Schüler in aufgeregter Erwartung und den Schluss machte die Lehrerin. Vor dem großen Felsen hielt Djilo einen kurzen Vortrag über die Entstehung der Höhle, die Hungersnot in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts und die täglichen Kämpfe ums Überleben, die wahrscheinlich auch den Hintergrund dieses Mordes bildeten. Vermutlich wurde dieser Ziegenhirte von jemandem erschlagen, der seine Herde übernehmen wollte, um die Existenz seiner Familie zu sichern. Er erwähnte auch das Märchen von den Räubern und ihrem Schatz, das ihn und seinen Freund Tó vor zwei Jahren zur Erkundung der Höhle bewegt und zur Entdeckung der Mumie geführt hatte.
Zur Identität eines möglichen Täters sagte Djilo nichts. Auch den fürchterlichen Ghon Ghon und die Vulkanhexen erwähnte er nicht. Im Vorbereitungsgespräch hatte Stadtrat Furtado ihn gebeten, den Besuchern nicht unnötig Angst einzuflößen.
Dann traten die Schüler der Reihe nach vor den Spalt und leuchteten hinein. Manche kicherten verlegen oder machten eine „coole“ Bemerkung, aber die meisten sagten kein Wort und waren sichtlich betroffen. Der Rückweg verlief dann auch deutlich schweigsamer als der Hinweg.
Djilo traf Tó nur noch selten. Tó hatte ein Studium des Hotel- und Tourismusmanagements in Mindelo auf der Insel São Vicente begonnen und kam nur noch in den Ferien nach Hause. Djilo dagegen wusste noch nicht so recht, was er machen sollte. Zum Studieren fehlte ihm das Geld und so arbeitete er mal hier und mal dort. Der Job als Mumienführer bei der Stadtverwaltung kam ihm sehr gelegen. Und als Entdecker der Mumie war er natürlich erste Wahl gewesen.

















