
„Es ist soweit.“ Cá rüttelte leicht an Naldos Schulter und der war sofort wach. Fest schlafen konnte er hier im Casa dos Pescadores nicht – und schon gar nicht, wenn die Nacht um zwei Uhr vorbei war. Aber immerhin, jetzt teilte er sich mit seinen Kollegen ein richtiges Bett.
Früher hatte er oft im Boot geschlafen, oder besser gesagt: gedöst. Da gab es noch kein festes Haus für die Fischer.
Er hätte auch zu Hause schlafen können, oben in Beltchêz, aber dann hätte er die ganze Familie aufgeweckt, sie schliefen ja alle in einem Raum. Also war er um zehn zum Hafen runtergegangen. Lisa hatte ihm noch einen Couscous und Kaffee in den kleinen Rucksack getan und ihm Gottes Segen mit auf den Weg gegeben. Sie machte sich immer Sorgen.
Und wenn er ehrlich war, ging es ihm ähnlich. Auch nach 23 Jahren als Fischer war da noch immer diese Nervosität, wenn sie nachts aufs Meer hinausfuhren. Nach tausend Fahrten so vertraut und bedrohlich zugleich. Es war ein guter Moment für eine Nachtfahrt, der Mond hatte gestern gewechselt und stand nur als eine ganz schmale Sichel am Himmel. Dann kamen auch die größeren Fische nach oben.
Naldo nahm seinen Rucksack und ging mit Cá zur Rampe, die von einer einzelnen Neonröhre beleuchtet war. Dort machte bereits schon eine andere Crew ihr Boot klar. Nur erfahrene Fischer fuhren nachts raus. Die Bedingungen waren komplett anders als tagsüber. Alle Handgriffe mussten sitzen und man musste sich im wahrsten Sinne des Wortes blind verstehen. Und man musste das Meer fühlen – sehen konnte man es ja nicht.
Cá war mit dem Hilux von Emerson gekommen und hatte einen Plastikkasten mit Eis und zwei 10-Liter-Benzinkanister mitgebracht. Sie luden die Sachen in die Mar Azul und dann halfen sie den drei Fischern der Dragão, ihr Boot ins Wasser zu schieben. Viel geredet wurde nicht. Alle waren ernst und auf ihre Aufgaben konzentriert. Mit dem Meer scherzte man nicht. Es war ein dunkler Riese, der gerade schlief und alle hofften, dass es auch so bleiben würde. Der Nord-Ost-Passat war kaum zu spüren, nur die Dünung atmete – alle zwölf Sekunden.
Naldo stand am Heck des Bootes und kontrollierte, ob der Propeller leicht drehte und die Einlassschlitze für das Kühlwasser frei waren. Dann schoben die fünf Männer auch die Mar Azul die Rampe hinunter ins Wasser. Nur der letzte Teil des Kiels lag jetzt noch auf dem Beton. Cá, dem das Boot gehörte und der deshalb auch mit zwei Dritteln am Gewinn beteiligt war, setzte seine Stirnlampe auf und schaltete sie ein. Er stöpselte den Benzinschlauch eines Plastikkanisters in den Motor ein, öffnete die Belüftungsschraube, drückte die schwarze Handpumpe ein paar Mal und entriegelte den Motor mit der MOB-Leine.
„OK?“ Cá sah Naldo fragend an. Naldo nickte und Cá ging so weit zurück wie möglich. Der Bug schwamm auf, Naldo schob noch einen Meter und zog sich dann an Bord. Cá hatte sich schon auf die Ruderbank gesetzt und die Riemen ausgebracht. Mit ein paar Schlägen waren sie an der Hafenausfahrt. Naldo bediente den Choke, kontrollierte den Gashebel und zog dann das Startseil. Beim zweiten Versuch sprang der Viertakter an – wie immer. Naldo schob den Choke wieder zurück und kuppelte ein. Mit langsamer Fahrt fuhren sie durch die Hafeneinfahrt und sofort verstärkte sich die Dünung. Gemächlich hob und senkte sich das Boot – alle zwölf Sekunden.
Cá setzte sich auf die Heckbank und übernahm den Motor. Er erhöhte die Drehzahl und das Boot schwenkte auf einen südlichen Kurs ein. Ihr Ziel war Cutelo de Açúcar, ca. drei Seemeilen entfernt. Dieser Ort war gut gegen den Nord-Ost-Passat geschützt und Dünung und Wellen waren dort geringer. Außerdem gab es etwa 200 Meter vom Strand entfernt eine Abbruchkante, an der sich viele Kleinfische aufhielten. Hier bestand eine gute Chance, auch auf Thunfische zu treffen, die dort ihren Futterfischen nachstellten.
Auf drei Seemeilen würde die Mar Azul etwa vier Liter Benzin verbrauchen. ‘Mit 20 Litern sind wir auf der sicheren Seite.’ dachte Cá.
Einer Legende nach erhielt Cutelo de Açúcar seinen Namen aufgrund einer Begebenheit, die weit mehr als hundert Jahre zurücklag: Wegen seiner geschützten Lage ankerten an diesem Ort häufig Frachtsegler, bevor sie den Hafen Vale dos Cavaleiros zum Löschen der Ladung anliefen. Diese Segler wurden von den Klippen aus von der hungernden Bevölkerung beobachtet. In einem Moment, in dem die Besatzung das Schiff verlassen hatte, um Wasser und Nahrungsmittel aufzufüllen, enterte eine Gruppe von Einheimischen den Segler und warf alle auffindbaren Lebensmittel ins Wasser, wo sie von anderen an Land gebracht und von dort abtransportiert wurden. Unter diesen Fässern und anderen Behältern befanden sich auch zahlreiche caixas de açúcar, mit Zucker gefüllte Kisten – daher der Name. Im Haus von Cá gab es ein Mahagonitischchen, von dem die Familie erzählte, es sei von einem Tischler aus zwei dieser Kisten hergestellt worden.
Nachdem die Beleuchtung des Hafens außer Sicht geraten war, umfing sie Dunkelheit.
Zunächst sahen sie nur die schmale Sichel des Mondes und die hellsten Sterne. Direkt vor ihnen stieg gerade das Kreuz des Südens aus dem Wasser zusammen mit seinem Begleiter Alpha Centauri. An Steuerbord schimmerten in vierzehn Seemeilen Entfernung die Lichter von Brava, unten die Beleuchtung des Hafens Furna und weiter oben die Straßenbeleuchtung von Nova Sintra, dem Hauptort. Dann tauchten an Backbord einige Lichter von São Filipe auf, die direkt auf der Klippe standen.
Allmählich hatten sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Die Konturen der Insel Brava konnte man erahnen und manchmal gab es grünliche Lichtblitze in der Bugwelle, wenn das Plankton leuchtete. Und über allem spannte sich die Milchstraße wie ein gigantisches Fischernetz.
Naldo und Cá fuhren in einem Abstand von ca. 300 Metern zum Strand. Der Bug der Mar Azul tauchte sanft in die Wellen der Dünung, die jetzt schräg von vorne kam. Im Wellental verschwanden die Lichter von Brava für einen kurzen Moment und sie sahen nur die Sterne, dann hob sich das Boot wieder. Beide Männer hatten schon seit einer halben Stunde nicht mehr gesprochen und hingen ihren Gedanken nach.
Naldo dachte an seine Familie, Lisa und ihre drei Kinder und das Elend, in dem sie lebten … Elend war vielleicht zu viel gesagt, aber was war das für ein Leben, wenn man bei den Verwandten in den USA betteln musste, um das Schulgeld für die Kinder bezahlen zu können. Beti, die Älteste, und Zé gingen auf das liceu und sie waren so gut, dass die Lehrer meinten, sie sollten da auch auf jeden Fall bleiben.
Lisa meinte ja, sie müssten sich doch nicht beklagen … arm ja, aber trotzdem eine glückliche Famile – jedenfalls meistens … aber nur nicht hungern und in einer Baracke leben, das kann doch nicht alles sein, was man vom Leben erwarten sollte … die Kinder beklagten sich nicht, aber es war doch klar, dass sie ihre Familie mit der anderer Schüler auf dem liceu verglichen … eine Schande, aber mehr Geld konnte er nicht verdienen, auch nicht auf dem Bau … ihm wäre es ja lieber, die Kinder würden irgendwo arbeiten gehen, aber da ließ Lisa nicht mit sich reden.
Letzte Woche waren sie alle zusammen auf dem Cruz de Passos gewesen, Die Stadtverwaltung hatte dort ein „Kinderparadies“ aufgebaut, Schaukeln, Kletterhäuser und sogar eine Art Autoscooter. Timo wollte da spielen und natürlich auch mit einem der Elektroautos fahren, aber das war nicht umsonst und Geld hatten sie keines dabei. Dort trafen sie auch eine Klassenkameradin von Beti.
‚Wir waren ihr peinlich!‘ dachte Naldo.
In Naldos Kopf hatte sich eine Idee festgesetzt, die ihn ständig beschäftigte und über die
er auch mit Lisa noch nicht gesprochen hatte: Beti ging jetzt öfter abends aus dem Haus, aber nicht mit ihrem Freund Dino, sondern alleine … und ziemlich aufgetakelt, sie hatte jetzt sogar einen Lippenstift. Und woher kamen diese Kleider? Angeblich von einer Freundin, die sie nicht mehr tragen würde … könnte es sein, dass sie von einem dieser reichen Ausländer ausgehalten wurde und Geschenke bekam, vielleicht auch Geld … gegen Sex? Naldo schloss die Augen, so ungeheuerlich war dieser Gedanke. Und wenn es tatsächlich so wäre … was sollte er sagen … und was sollte er tun.
„Wir sind da, du kannst schon mal die Langleine klar machen.“ Cá riss Naldo aus seinen trüben Gedanken. „Jeden zweiten Haken mit einem Fetzen.“
Die Langleine war etwa 50 Meter lang und auf eine leere Ölflasche gewickelt. Die Hauptleine hing an Styroporstücken und wurde von kleinen Bleioliven in fünf Meter Tiefe gehalten. Daran waren im Abstand von einem Meter Vorfächer befestigt, die nur zwanzig Zentimeter lang waren. Jedes Vorfach hatte einen Haken mit roten Plastikpuscheln, die einen kleinen Tintenfisch imitieren sollten. Tagsüber bissen Garoupa und Pargo in dem klaren Wasser direkt auf die Puscheln, aber in der Nacht musste man ihren Geruchssinn ansprechen und dafür brauchte man die Fetzenköder.
Früher hatten sie mit Hauptleine an der Oberfläche und langen Vorfächern gearbeitet, aber das hatte sich nicht bewährt. Sie hatten viel Zeit damit verbracht, die vertüdelten Leinen wieder zu entwirren. So etwas kam jetzt nur noch selten vor.
Cá schaltete auf Leerlauf und Naldo setzte sich auf die Ruderbank. Er griff in seine Hosentasche, zog die Stirnlampe hervor und setzte sie auf. Dann griff er in den Köderkasten, nahm einen der Fische und zerteilte ihn in daumennagelgroße Stücke. Naldo ließ das erste Styroporstück mit der Langleine ins Wasser gleiten. Dann bestückte er jeden zweiten Haken zusätzlich mit einem Fischfetzen und die Leine verschwand allmählich im schwarzen Wasser, während Cá langsam voraus fuhr. Als die gesamte Leine ausgebracht war, befestigte Naldo sie am Dollbord und Cá schaltete wieder in den Leerlauf.
Dann setzte auch Cá die Stirnlampe auf und beide Fischer bereiteten ihre Handleinen vor. Sie waren auf ein Holzbrett gewickelt, etwa 100 Meter lang und hatten nur einen Haken. Die Sehne war etwas dicker als bei der Langleine, auch der Haken war etwas kräftiger und der Fischfetzen entsprechend größer. Die angepeilte Beute waren Atum und vielleicht auch Serra.
„Nimm mal ungefähr zwanzig Meter, ich nehme zehn“ sagte Cá. Sie senkten ihre Köder mit einem kleinen Vorblei auf die entsprechende Tiefe ab und nun begann das große Warten.
Den ersten Biss hatte Naldo auf seiner Handleine nach zwanzig Minuten. Die Sehne hatte er über seine Handfläche laufen und hielt sie mit dem Daumen fest. Dann spürte er ein ruckartiges Ziehen, nicht kräftig, aber da war etwas. Er zog die Leine mit einer zügigen Bewegung an und die Reaktion kam sofort: der Fisch machte einen Fluchtversuch und ging auf Tiefe. Naldo stellte sich breitbeinig ins Boot und kontrollierte den Fisch mit Daumen und Zeigefinger. Cá holte seine Handleine ein, um Naldo nicht zu behindern.
Der Drill dauerte etwa 5 Minuten. Am Wichtigsten war es, die Leine immer auf Spannung zu halten. Wenn der Fisch auf das Boot zu geschwommen kam, holte Naldo die Leine schnell ein, ging er wieder tief, baute Naldo mit dem ganzen Körper Spannung auf, lehnte sich leicht zurück und glich dabei auch die Bewegung des Bootes in der Dünung aus. Er gab mit kontrolliertem Widerstand nach, wenn der Zug zu stark wurde und zog an, wenn der Fisch zum Stehen kam, um den Fisch zu ermüden ohne die Leine bis zum Zerreißen zu beanspruchen.
„Brauchen wir das Gaff?“ fragte Cá.
„Nein“
Der Fisch machte eine letzte Flucht, dann kam er an die Oberfläche. Im Schein der Stirnlampen sahen sie, dass er auf der Seite lag. Das war der Moment: beide Fischer verlagerten ihr Gewicht so, dass das Dollbord nahe an die Wasseroberfläche kam und dann griff Cá in die Leine und zog den Atuman Bord. Beide Fischer schauten sich an und lächelten. Dann zog Naldo den Holzknüppel unter der Ruderbank hervor und schlug dem Fisch kräftig auf den Kopf. Er erschlaffte und Naldo schob ihm das Fischmesser unter einen Kiemendeckel, um ihm das Rückgrat und die Hauptschlagader zu durchtrennen. Dunkelrotes Blut trat aus. Cá nahm die Pütz, ließ sie ins Wasser fallen und zog sie an ihrem Strick halb voll wieder hoch. Dann goß er das Wasser über den Kopf des Fisches.
Beide Fischer öffneten ihren Rucksack, schenkten sich einen Kaffee ein und Naldo aß ein Stück von dem Couscous, den Lisa ihm mit auf den Weg gegeben hatte. Sie waren jetzt 2 Stunden unterwegs – eine ruhige Tour, kein Wind und auch die Dünung war höchstens einen Meter hoch.
„Merkst du was?“ Naldo sah Cá fragend an
„Nee, was ist denn?“
„Das Boot vibriert irgendwie … ich weiß auch nicht …“ Beide blickten über das Wasser … schwarz, alles schwarz … und dann ein kurzer heller Schimmer, vielleicht zwanzig Meter entfernt … dann noch einer … und einer nur fünf Meter entfernt.
„Ein Schwarm“ flüsterte Naldo, „wir sitzen mitten auf einem Schwarm“
Beide bereiteten ihre Handleinen vor, spießten die Köder auf die Haken und Cá ließ seine Leine als erster ins Wasser. Der Biss kam sofort.
Cá war total überrascht und ließ die Leine laufen. Der Fisch zog mit großer Geschwindigkeit fast senkrecht in die Tiefe. Die Leine spulte in einer rasanten Geschwindigkeit vom Brett ab.
„Wenn er nicht gleich zum Stehen kommt, ist er weg, zusammen mit der Leine.“
Aber genauso rasant, wie er abgetaucht war, schoss der Fisch auch wieder nach oben, so schnell konnte Cá die Leine gar nicht einholen. Jetzt schien er zu stehen und Cá nahm wieder Kontakt zu ihm auf. Er brachte die Leine auf Spannung, dann ein kurzer Schlag und dann … nichts mehr, kein Widerstand, die Leine baumelte im Wasser … der Fisch war weg.
„Scheiße“ entfuhr es Cá, „der Haken hat nicht richtig gesessen … ich habe auch gar nicht richtig angehauen … es ging alles viel zu schnell.“ Er ließ sich entgeistert auf die Ruderbank fallen.
„Noch sind wir über dem Schwarm,“ sagte Naldo, „vielleicht kriegen wir eine zweite Chance:“
„Dann hole ich mal die Langleine ein.“ Cá hatte den Schock verdaut und wickelte die Langleine auf die Ölflasche. „So einen Fisch hatte ich schon ewig nicht mehr am Haken, ich dachte, die gibts hier gar nicht mehr.“
Tatsächlich hatte das Durchschnittsgewicht der von den kapverdischen Fischern mit ihren offenen Booten gefangenen Thunfische in den letzten zwanzig Jahren stetig abgenommen. Die kapverdische Regierung hatte verschiedene Fischereiabkommen mit der EU und China geschlossen, die es Schiffen dieser Staaten erlaubte, auch in kapverdischen Hoheitsgewässer Fischfang zu betreiben und das taten sie auch – mit großen Fischtrawlern und Industrieschiffen, die den Fang direkt an Bord verarbeiteten.
Natürlich beinhalteten diese Abkommen auch Fangquoten und Mindestgrößen, aber wie sollte die kleine kapverdische Küstenwache das kontrollieren? Tatsache war jedenfalls, dass der Fischreichtum der kapverdischen Gewässer deutlich abgenommen hatte und es stand der Verdacht im Raum, dass weder die Europäer noch die Chinesen die vereinbarten Fangquoten einhielten.
Naldo ließ seine Handleine, die er schon vorbereitet hatte, ins Wasser. In zehn Metern Tiefe kam der Biss. Naldo zog an, um den Haken zu setzen und wieder ging der Fisch sofort auf Tiefe und wieder näherte sich die Handleine bedrohlich ihrem Ende.
„Warum habe ich bloß bei der Leine gespart,“ fluchte Naldo, aber auch dieser Fisch schoss dann doch wieder nach oben allerdings in Richtung offenes Meer. Naldo zog die Leine ein so schnell es ihm möglich war. Sie ringelte sich jetzt auf dem Holzboden vor der Ruderbank. Hoffentlich würde sie sich nirgends verhaken. Naldo ging zum Bug, stellte sich dort breitbeinig vor die dreieckige Sitzbank und versuchte den Fisch mit der rechten Hand und dem Druck des Daumens zu kontrollieren und eine möglichst gleichmäßige Leinenspannung zu halten. Dabei musste er auch das Auf und Ab des Bootes in der Dünung ausgleichen. Keine leichte Aufgabe, aber nach 25 Jahren auf See waren diese Bewegungen eine automatisierte Routine. Und auf keinen Fall durfte das Boot quer zur Leine kommen, das wäre dann wohl das Ende dieser Jagd.
„Mach mal den Motor an, Cá … ich glaube, wir müssen ihm folgen und wenn der Zug zu groß wird, kuppelst du ein.“
In der Tat zog der Fisch stetig in Richtung Brava und die Leine schnitt mit einem leisen Zischen durch das Wasser. Naldo musste immer wieder Leine nachgeben, damit die Spannung den kritischen Punkt nicht überschritt. Lange konnte er das nicht mehr machen, er hatte nur noch wenige Meter Reserve auf der Handleine.
„Jetzt einkuppeln!“ rief Naldo „aber ganz vorsichtig.“ Das Boot beschleunigte etwas und das nahm Druck von der Leine. Cá folgte dem Fisch mit langsamer Fahrt und Naldo konnte jetzt die Leine allmählich wieder einziehen ohne die Spannung zu verlieren.
Naldo richtete den Lichtkegel seiner Stirnlampe auf den Punkt, an dem die Leine im Wasser verschwand. Auch nach zehn Minuten schien der Fisch kaum an Kraft verloren zu haben, aber er hatte seine Richtung geändert und schwamm jetzt nordwärts. Das machte die Sache etwas einfacher, weil er das Boot nun mit der Dünung zog und es so stabiler im Wasser lag. Und er war schon zweimal fast an die Oberfläche gekommen, dann aber wieder abgetaucht.
Naldos rechter Arm begann zu zittern und er bekam einen Krampf im Daumen. Er wechselte auf den linken Arm.
„Soll ich übernehmen?“ fragte Cá
„Nein, geht schon.“
Nach fünfzehn Minuten – hätte man Naldo gefragt, wäre es „mindestens eine Stunde“ – war dann aber doch ein Nachlassen der Kräfte des Fisches zu spüren. Die Unterstützung des Motors war nicht mehr nötig, Cá konnte auskuppeln, Naldo konnte die Leine auch ohne Motor Meter für Meter weiter einziehen und die Distanz zum Fisch verringern. Aber der kritische Punkt stand noch bevor. Wie würde das Tier reagieren, wenn es das Boot zum ersten Mal sehen würde?
Sie näherten sich allmählich diesem entscheidenden Moment. Die Entfernung betrug nur noch etwa fünf Meter. Naldo bereitete sich darauf vor, dass der Fisch eine wilde Flucht machen würde und er schnell viel Leine geben müsste. Genau das trat auch ein. Der Fisch tauchte in der Nähe des Bootes auf und Naldo konnte im Schein seiner Stirnlampe das schwarze Auge des Tieres sehen. Voller Panik mobilisierte es alle verbliebenen Kräfte und schoß in die Tiefe. Naldo lehnte sich zurück und hielt den linken Arm nach vorne ausgestreckt. Er hatte sich ein Tuch in die Handfläche gelegt, denn die Leine hatte ihm schon zwei tiefe Schnitte in der Hand beigebracht aus der kleine dunkelrote Perlen quollen. Mit dem Daumen übte er Druck auf die Leine aus, ein Widerstand, gegen den das Tier ankämpfen musste. Die Flucht war heftig, kam aber nach kurzer Zeit zum Stehen und wieder begann Naldo, die Leine mit der freien Hand einzuziehen.
Dieser Vorgang wiederholte sich noch einige Male. Wenn der Fisch das Boot und die tanzenden Lichter der Stirnlampen sah, flüchtete er in wilder Panik. Schließlich gelang es Naldo, das Tier längsseits zu ziehen. Dort kippte es auf die Seite.
„Jetzt?“ fragte Cá
Die Antwort gab der Fisch. Noch ein letztes Mal versuchte er, seinem Schicksal zu entkommen und tauchte ab … aber der Haken saß unerbittlich in seinem Maul und die Leine hielt. Naldo zog sie ein, nachdem das Tier zum Stehen gekommen war und bugsierte den Fisch neben das Boot, wo er nun völlig entkräftet auf der Seite lag.
Naldos Mund war trocken und fühlte sich an, als hätte er Sand darin. Sein Herz schlug wild und der ganze Körper vibrierte.
Cá nahm das Gaff in die Hand und beide Fischer traten auf eine Seite des Bootes und neigten es, bis das Dollbord auf Wasserhöhe war. Naldo hob den Kopf des Fisches mit zitternder Hand leicht an und griff unter einen Kiemendeckel, Cá schob das Gaff unter den anderen Kiemendeckel.
„Jetzt!“
Beide zogen mit aller Kraft und dann glitt der Fisch in einer geschmeidigen Bewegung zusammen mit einem Schwall Wasser ins Boot.
‚Welch ein Geschöpf‘, dachte Naldo, als er den riesigen atum betrachtete und für einen Moment blitzte ein Zweifel in ihm auf: ‚Was tun wir hier eigentlich?‘ Nach diesem Kampf kam ihm der Fisch plötzlich wie ein ebenbürtiges Wesen vor, dem er seine Freiheit genommen hatte und das sie jetzt töten würden. Er erschauderte – noch nie war ihm ein solcher Gedanke durch den Kopf gegangen.
Cá holte den Holzknüppel unter der Ruderbank hervor und hieb ihn mit voller Kraft auf den Kopf des Tieres. Ein Zittern ging durch dessen Körper. Er schlug mit der Schwanzflosse und streifte Naldos Bein, an dem sich rote Striemen abzeichneten.
„Pass bloß auf, Naldo, ich weiß nicht, ob er schon richtig betäubt ist.“
Dann versetzte Cá dem Tier einen weiteren kräftigen Schlag und Naldo zog das Fischmesser aus seiner Halterung. Das Durchtrennen der Mittelgräte war ein richtiger Kraftakt, ganz anders als bei dem „Kleinen“ vorher. Er konnte sich nicht erinnern, jemals einen atum dieser Größe gefangen zu haben … es gab sie also doch noch … auch vor São Filipe.
Cá holte wieder eine Pütz Wasser und spülte das Blut in die Bilge.
Die Konturen der Bordeira waren jetzt erkennbar, die Farbe des Himmels hatte von tiefschwarz zu anthrazit gewechselt, die Morgendämmerung hatte begonnen.
„Cá, hast du den Motor ausgemacht?“
„Nein … ist wohl von selber ausgegangen … komisch … Benzin haben wir noch genug.“
Cá richtete die Stirnlampe auf den Motor und ergriff die Starterleine.
„Er ist noch warm … sogar ziemlich warm.“
Cá zog am Anlasser und beim dritten Versuch sprang der Motor an.
„Wollen wir die Langleine wieder auslegen?“
„Ich weiß nicht … meinetwegen können wir auch zurück. Den Fisch zu verkaufen wird nicht einfach, wir sollten da sein, wenn der Markt auf macht.“
„Ja, mir reicht es auch für heute.“
Cá ging auf Halbgas und nahm Kurs Richtung Norden. Die Wellenberge und -täler waren jetzt schon zu erkennen und die Lichter von São Filipe waren etwas blasser geworden. Sie fuhren jetzt mit der Dünung, eine schnelle Fahrt, in einer Dreiviertelstunde wären sie wieder im Hafen. Dann ging der Motor aus – einfach so.
Cá hob den Kanister an und schüttelte ihn.
„Da sind noch ein paar Liter drin, ich verstehe das nicht … ob was mit der Kerze ist?“
Er beugte sich über den Motor, um die Abdeckung abzunehmen.
„… und er ist heißer als normal … irgendwas mit der Kühlung … vielleicht haben wir Dreck angesaugt …“
Cá nahm die Stirnlampe in die Hand und leuchtete am Motorschaft hinunter zum Propeller. Dort waren auch die Ansaugschlitze für das Kühlwasser. Eine kleine Plastiktüte hatte sich um das untere Ende des Schaftes gewickelt. Er beugte sich über den Heckspiegel, griff ins Wasser und entfernte die Tüte. Dem Bild konnte man entnehmen, dass sie mal Kartoffelchips enthalten hatte und sie trug chinesische Schriftzeichen.
„Und der Plastikmüll, der bei uns im Hafen angespült wird, wird auch immer mehr. – Ich schließe mal den vollen Kanister an, das reicht dann bestimmt.“
Cá zog den Benzinschlauch von dem einen Kanister ab, steckte ihn auf den anderen und pumpte an. Dann startete er den Motor ohne weitere Probleme und sie setzten ihre Fahrt fort. Nach fünf Minuten ging der Motor wieder aus. Cá fluchte und legte seine Hand auf den Motor, die Temperatur war normal. Auch die Kontrolle der Kühlwasserschlitze zeigte nichts ungewöhnliches, die Kühlung war es diesmal nicht. Cá versuchte den Motor zu starten, aber da tat sich nichts mehr.
„Vielleicht ist die Benzinleitung verstopft, ich habe den Benzinfilter schon lange nicht mehr gewechselt.“
Cá nahm die Abdeckung ab, klappte den Motor hoch und suchte den Benzinfilter. Gar nicht so einfach, mittlerweile waren sie quer zur Dünung getrieben und das Boot machte jetzt wilde Bewegungen.
Cá leuchtete den Benzinschlauch entlang und fand dort den Benzinfilter. Er war transparent und offensichtlich sauber. Sand oder ähnliches war nicht zu erkennen. Als nächstes könnte man die Zündkerze überprüfen, aber der Motor sprang ja gut an, sie war es wahrscheinlich auch nicht.
„Hast du eigentlich die Belüftungsschraube von dem neuen Kanister aufgedreht?“ Naldo dachte an das naheliegende.
Cá sah ihn an und verdrehte die Augen. Dann öffnete er die Belüftungsschraube und mit einem zischenden Geräusch wurde der Unterdruck ausgeglichen. Cá klappte den Motor zurück, setzte die Abdeckung wieder auf und drückte die Handpumpe. Beim zweiten Versuch sprang der Motor an.
Als die beiden Fischer in den Hafen einliefen, war es hell. Cá setzte die Mar Azul vorsichtig auf der Rampe auf. Dann ging Naldo zum Bug, sprang von Bord und zog das Boot so weit es ging auf den Beton.
Sie befestigten zwei Stricke an dem großen Thunfisch. Einen zogen sie durch die Kiemen und einen wickelten sie um seine Schwanzwurzel. Dann verknoteten sie beide Stricke an einem der Riemen und Cá rief Emerson an. Es klingelte oft und Emerson kam offenbar aus dem Tiefschlaf.
„Ihr seid schon wieder da? … Ja, aber nicht sofort … in einer halben Stunde … ja … ja, bis gleich.“
Tatsächlich dauerte es fast eine Stunde, dann kam Emerson und hielt vor der Rampe.
„Du musst mal mit anfassen, wir kriegen ihn nicht alleine von Bord.“
Emerson schaute ins Boot und kratzte sich am Kopf.
„Junge, Junge, so ein Teil habe ich schon ewig nicht mehr gesehen … war wohl nicht ganz einfach?“
Naldo und Emerson standen außerhalb des Bootes, griffen das eine Ende des Riemens und hoben an. Cá stand im Boot, fasste das andere Ende und gemeinsam hievten sie den Fisch über die Bordkante. Cá legte sein Ende des Riemens aufs Dollbord und stieg auch aus. Dann trugen sie den Fisch, der jetzt unter dem Riemen baumelte, gemeinsam zur Ladefläche des Hilux.
Naldo erinnerte sich an ein altes Schwarz-Weiß-Foto, das seine Lehrerin vor 25 Jahren mal mit in den Unterricht gebracht hatte, das schon damals über 100 Jahre alt gewesen war und das er nicht vergessen konnte. Es zeigte zwei grinsende Weiße mit Gewehr und Tropenhelm und davor zwei Sklaven mit einer Stange auf ihren Schultern. Und unter der Stange baumelte ein dritter Sklave an zwei Stricken und mit gefesselten Händen und Füßen … genau so.
Glossar
| Alpha Centauri | heller Stern östlich vom Kreuz des Südens |
| Atum | port.: Thunfisch |
| Backbord | auf einem Boot in Fahrtrichtung links |
| Beltchêz | Stadtteil von São Filipe, Wohnort vieler Fischer |
| Bilge | tiefster Teil des Schiffsbodens |
| Bleioliven | Länglich-runde Bleistücke mit einem Loch für die Sehne |
| Bordeira | Kante des Kraters auf Fogo, bis 2700m hoch |
| Brava | kleinere Nachbarinsel von Fogo, ca 20km entfernt |
| Bug | vorderer Teil des Bootes |
| Caixas de açúcar | port.: Zuckerkisten |
| Casa dos Pescadores | port.: Haus der Fischer |
| Choke | Starthilfe am 4-Takt-Motor |
| Couscous | im Wasserdampf gebackener Kuchen aus Maisgries |
| Cruz de Passos | großer Platz im Zentrum von São Filipe |
| Cutelo de Açúcar | kleine Siedlung südlich von São Filipe |
| Dollbord | oberes Abschlußbrett der Bootswand |
| Dragão | port.: Drachen, hier Bootsname |
| Drill | Kampf mit dem Fisch, um ihn zu ermüden |
| Dünung | langgezogene Wellen unabhängig vom aktuellen Wind |
| Fischfetzen | Fischstücke, als Köder benutzt |
| Furna | kleiner Hafenort auf Brava |
| Gaff | Eisenhaken zum Anlanden des Fisches |
| Garoupa | Zackenbarsch, ca. 30cm |
| Handleine | Nylonsehne mit einem Haken, wird in der Hand gehalten |
| Heck | hinterer Teil des Bootes |
| Heckspiegel | hinteres Abschlußbrett des Bootsrumpfs |
| Hilux | offener Kastenwagen von Toyota |
| Kiemendeckel | Atmungsklappen am Kopf des Fisches |
| Kreuz des Südens | Sternbild im Süden, in Europa nicht sichtbar |
| Langleine | Nylonsehne mit vielen Vorfächern, wird ausgelegt |
| Liceu | port.: Gymnasium |
| Mar Azul | port.: Blaues Meer, hier Bootsname |
| MOB-Leine | Sicherheitsleine, beim Entfernen stoppt der Motor sofort |
| Nord-Ost-Passat | ganzjähriger stetiger Wind auf den Kapverden |
| Nova Sintra | Hauptort auf Brava, ca. 600m hoch gelegen |
| Pargo | port.: Meerbrasse |
| Plankton | pflanzliche und tierische Kleinstlebewesen im Meer |
| Propeller | Antriebsschraube am Schiffsmotor |
| Pütz | Eimer mit einem kurzen Strick |
| Riemen | seem.: Ruder |
| São Filipe | Hauptstadt der kapverdischen Insel Fogo |
| Schwanzwurzel | schmalste Stelle zwischen Rumpf und Schwanzflosse eines Fisches |
| Seemeile | 1,852 km |
| Sehne | Angelschnur in unterschiedlichen Stärken |
| Serra | Scomberomorus tritor oder Wahoo, Makrelenart |
| Steuerbord | auf einem Boot in Fahrtrichtung rechts |
| Vale dos Cavaleiros | Hafen von São Filipe |
| Vorfach | kurze Nylonsehne, an der ein Haken befestigt ist |

















