Deportados

Dona FilĂł rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie saß vor ihrem Haus in SĂŁo Filipe, vor ihr ein kleiner Schleiflacktisch mit abgestossenen Kanten und zwei StĂŒhle. Die waren leer, ihre beiden Freundinnen Rute und Zita waren nicht mehr da. Die drei betagten Damen hatten gerade Bisca gespielt und Dona FilĂł hatte haushoch verloren.

„Filomena, du bist heute ĂŒberhaupt nicht bei der Sache, was ist denn los,“ hatte Rute gefragt, aber Dona FilĂł hatte nur den Kopf geschĂŒttelt. „Na, ihr wisst schon.“ Und kurz darauf waren ihre Freundinnen gegangen. Es war aber auch zum junge Hunde kriegen mit den beiden Enkeln. Gerade wehte wieder eine Marihuanaschwade aus der offenen HaustĂŒr.

Seit einigen Tagen hatte Dona FilĂł einen Gedanken im Kopf, bei dem es sie schauderte, aber er nahm immer konkretere Formen an. Dann stand sie abrupt auf, ging zum Telefon und rief ihren Sohn EugĂ©nio an. Er war das einzige Kind, das nicht in die Vereinigten Staaten ausgewandert war. EugĂ©nio hatte schon mit 13 Jahren angefangen, auf dem Bau zu arbeiten. Jetzt mit 49 hatte er ein kleines Bauunternehmen in SĂŁo Filipe und kam ganz gut ĂŒber die Runden.

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Dona FilĂłs Tochter Damascena war 1993 in die Vereinigten Staaten ausgewandert und dort bei Dona FilĂłs Schwester Augusta untergekommen. Die kapverdische community in Brockton hatte sie herzlich aufgenommen, allen voran Eduardo. Er kĂŒmmerte sich rĂŒhrend um sie, half ihr beim Gang durch den BĂŒrokratiedschungel und besorgte ihr sogar eine Arbeit bei Footjoy. Damit war der langfristige Aufenthalt in den Staaten gesichert und es bestand sogar Aussicht auf einen amerikanischen Pass.

Ein Jahr spĂ€ter wurden die Zwillinge geboren – Dominique und Diamantino. Damascena wohnte nun bei Eduardo zusammen mit dessen Mutter und seinen beiden Schwestern und nach einer kurzen Babypause konnte sie ihre Arbeit bei Footjoy fortsetzen. Sie hieß jetzt „Damy“ und ĂŒberhaupt bestand „Eddie“ darauf, dass zu Hause Amerikanisch gesprochen wurde. Man war schließlich im dreamland und das Ziel war, Amerikaner zu werden – mit Haut und Haaren. Nur bei seiner Mutter machte Eddie eine Ausnahme.

1998 erhielt Damy die EinbĂŒrgerungsurkunde, behielt aber auch ihren kapverdischen Pass, und auch ihre Kinder Dom und Dino, die durch Geburt bereits Amerikaner waren, hatten ebenfalls die doppelte StaatsbĂŒrgerschaft, ein vermeintlicher Vorteil, der ihnen allerdings spĂ€ter noch zum VerhĂ€ngnis werden sollte.

Die Probleme deuteten sich schon in der letzten Klasse der high school an, da gab es fĂŒr beide eine Verwarnung wegen Drogenkonsum in einem minderschweren Fall. Das war kurz vor ihrem 18ten Geburtstag. Damy und Eddie waren entsetzt, redeten tagelang auf ihre Kinder ein und versuchten ihnen zu erklĂ€ren, welche Risiken sie damit fĂŒr eine Immigrantenfamilie heraufbeschworen. Das Praktizieren des american way of life und das Respektieren der amerikanischen Gesetze war Grundvoraussetzung fĂŒr erfolgreiche Integration. Dom und Dino zeigten sich zerknirscht und stellten auf Durchzug.

Nach dem high school Abschluss beschlossen Dom und Dino, erst mal ein bisschen zu jobben und dann zu sehen, wie es weiter gehen könnte. Schon seit frĂŒhester Kindheit waren die beiden immer im Gleichschritt unterwegs und der Gedanke, auch mal getrennte Wege zu gehen, kam ihnen gar nicht in den Sinn. Dem DrĂ€ngen der Eltern, sich im College einzuschreiben, wollten die beiden nicht nachgeben. Das hĂ€tte doch noch ein Jahr Zeit, außerdem wĂŒrden sie fĂŒr ihren Lebensunterhalt schon selber sorgen. Und tatsĂ€chlich hatten die beiden immer genĂŒgend Geld und kauften sich Klamotten, die sich der Rest der Familie gar nicht leisten konnte.

Das Unheil brach an einem Samstagnachmittag in Form eines Telefonats ĂŒber sie herein, in dem Damy und Eddie aufgefordert wurden, ihre beiden Söhne vom Police Department Brockton abzuholen, wo sie vorĂŒbergehend in Gewahrsam genommen worden waren. Dort wurde ihnen mitgeteilt, dass ihre Söhne nach lĂ€ngerer Observation auf frischer Tat beim Handel mit illegalen Drogen ertappt und festgenommen worden wĂ€ren. Sie seien erkennungsdienstlich behandelt worden, es wĂŒrde Anklage erhoben und sie wĂŒrden jetzt mit der Auflage, sich ausschließlich in Brockton aufzuhalten, entlassen.

Die RĂŒckfahrt zur Wohnung der Familie verlief schweigend. Das war kein jugendlicher Fehltritt mehr, das war eine Straftat der ĂŒbleren Sorte und wĂŒrde ziemlich drastische Konsequenzen haben. Es begann eine Zeit des Wartens darauf, wie die Behörden weiter vorgehen wĂŒrden. Man kannte einige Berichte ĂŒber Ă€hnlich gelagerte FĂ€lle und die Vorahnungen waren dĂŒster.

Da Dom und Dino auch die kapverdische StaatsbĂŒrgerschaft besaßen, wurde der Fall an den Immigration Court weitergeleitet und dieser beraumte eine Anhörung an. Der zustĂ€ndige Richter machte nicht viel Federlesen und ordnete die Abschiebung auf die Kapverden an. Auch ein Einspruch in der 30tĂ€gigen Widerspruchsfrist konnte an dem Urteil nichts Ă€ndern, der Fall war zu eindeutig.

Dom und Dino folgten dem eindringlichen Rat ihres Anwalts, der Abschiebung zuvor zu kommen, und boten dem Richter des Immigration Court die freiwillige Ausreise auf die Kapverden an. Dies wĂŒrde die Perspektive eröffnen, eines Tages – frĂŒhestens jedoch in 10 Jahren – nach entsprechender PrĂŒfung durch die zustĂ€ndigen Behörden wieder in die USA einreisen zu können. Der Richter nahm das Angebot an und setzte eine Frist von einem Monat fĂŒr die Ausreise.

Jetzt gab es viele Telefonate zwischen Damy in Brockton und ihren Familienangehörigen auf den Kapverden. NatĂŒrlich war niemand begeistert von der Vorstellung, Dom und Dino bei sich aufzunehmen. Auch Onkel EugĂ©nio, der ein grosses Haus in SĂŁo Filipe hatte, wies dies Ansinnen weit von sich. Letztendlich gab Großmutter FilĂł dem DrĂ€ngen ihrer Tochter nach. Ihr Mann war schon vor lĂ€ngerer Zeit gestorben und sie wohnte gemeinsam mit ihrer HaushĂ€lterin in den vorderen beiden Zimmern ihres Hauses. Im hinteren Teil gab es noch zwei weitere Zimmer die lediglich als AbstellrĂ€ume dienten und von denen eines mit einfachen Mitteln als Wohn- und Schlafraum hergerichtet werden konnte. Und sie hatten auch einen eigenen Eingang auf der RĂŒckseite des Hauses. Außerdem hatte Damascena ihr versprochen, jeden Monat 200$00 Dollar fĂŒr die Jungs zu ĂŒberweisen.

Drei Wochen spĂ€ter landeten Dom und Dino auf dem Aeroporto Internacional Nelson Mandela in Praia, setzten ihre Reise am nĂ€chsten Tag mit dem Schiff nach SĂŁo Filipe fort und klopften abends gegen acht Uhr an der TĂŒr ihrer Großmutter FilĂł.

Die BegĂŒĂŸung war nicht gerade herzlich, aber die ersten Tage verliefen besser als gedacht. Die beiden Jungen waren freundlich und respektvoll und wußten sich zu benehmen. Nur die Unterhaltung war sehr schwierig. Dom und Dino sprachen weder Portugiesisch noch Kriolo, nur Amerikanisch.

Nachdem sich die beiden Jungs am ersten Tag noch nicht aus dem Haus getraut hatten, begannen sie am nĂ€chsten Tag, die Stadt zu erkunden und zu ihrer großen Erleichterung trafen sie schon nach kurzer Zeit auf eine Gruppe von Jugendlichen, die sich in typisch amerikanischem Slang unterhielten. Man verstand sich auf Anhieb und schnell stellte sich heraus, dass alle aus den Staaten abgeschoben worden waren und eine Ă€hnliche Geschichte wie Dom und Dino zu erzĂ€hlen hatten – manchmal waren Drogen, manchmal auch Diebstahl oder Raub der Grund der Ausweisung. Und alle fluchten auf Obama, auf den man anfangs so große Hoffnungen gesetzt hatte, in dessen Amtszeit aber Millionen von Immigranten deportiert wurden. …und selbstverstĂ€ndlich wurde Pot geraucht.

Nach einer Woche machte Onkel EugĂ©nio den Vorschlag, die beiden Jungs könnten doch bei ihm im SĂ€gewerk arbeiten. Sie sollten morgen mal vorbeikommen und das taten sie auch. Die Arbeit fanden Dom und Dino ganz ok und die Bezahlung war auch akzeptabel. 1200 escudos hatte EugĂ©nio gesagt. Als sie das allerdings ihren neuen Kumpels erzĂ€hlten, brachen die in schallendes GelĂ€chter aus. 1200 escudos ja, aber nicht pro Stunde sondern pro Tag. Damit hatte sich das Thema „Arbeit“ erledigt.

Auch die Suche nach einer neuen Unterkunft war ausichtslos. 200$00 Dollar pro Monat fĂŒr zwei Personen war schon sehr wenig, davon konnte man gerade das Marihuana bezahlen, fĂŒr Essen blieb da kaum etwas ĂŒbrig, geschweige denn fĂŒr Miete. Aber eines war Dom und Dino klar: wenn sie noch einmal erwischt wĂŒrden beim Dealen, wegen Diebstahl oder sonst was, dann könnten sie sich die RĂŒckkehr in ihre Heimat USA abschminken – fĂŒr immer.

Aber 10 Jahre warten … jetzt war 2015 … bis 2025 warten … oh my god!

Und so wurde das Leben im Haus von Großmutter Filó zur Routine.

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„Klar, das kann ich machen, Mutter“ hatte EugĂ©nio am Telefon gesagt. „Aber eins muss klar sein: ich nehme sie nicht auf. Kein Schritt ĂŒber meine Schwelle.“ „Ist mir auch egal, wo sie bleiben“ hatte Dona FilĂł geantwortet, „ich habe die Nase gestrichen voll. Am schlimmsten ist dieses Geschrei, das sie Musik nennen, der Deutsche von nebenan hat sich auch schon beschwert.“ „Und sollen wir den Schutt abtransportieren?“ hatte EugĂ©nio gefragt. „Nein, einfach nur runter schmeißen.“

TatsĂ€chlich hatten Dom und Dino einen Ghettoblaster organisiert und Gangsta Rap unterhielt die ganze Straße, stundenlang, wenn sie nicht gerade mit ihren Kumpels oben am PresĂ­dio abhingen.

Zwei Tage spĂ€ter erschienen gegen Mittag drei Arbeiter von EugĂ©nio im Haus von Dona FilĂł. Sie hatten Vorschlaghammer und Kuhfuß dabei und begannen mit dem Abriss. Über den beiden Zimmern im hinteren Teil des Hauses wurde das Dach abgedeckt, die Pfannen wurden fallen gelassen und dann wurde der Dachstuhl aus der Verankerung gerissen und ebenfalls nach unten geworfen. Nur die WĂ€nde blieben stehen. Die Arbeit dauerte keine zwei Stunden. Die Arbeiter erhielten den vereinbarten Lohn, grinsten und bedankten sich.

Als Dom und Dino nach Einbruch der Dunkelheit vom PresĂ­dio zurĂŒckkamen und die TĂŒr zu ihren Zimmern aufschlossen, stand ihnen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Ihre Unterkunft war nur noch ein TrĂŒmmerfeld. Sie rannten nach vorne und klopften bei ihrer Großmutter. Dort trafen sie auf Dona FilĂł, die HaushĂ€lterin, EugĂ©nio und noch zwei Nachbarn.

Dona FilĂł erklĂ€rte den beiden Jungs, dass das GebĂ€lk im hinteren Teil des Hauses so marode gewesen wĂ€re, dass akute Einsturzgefahr bestĂŒnden hĂ€tte. EugĂ©nio pflichtete ihr bei: „Zum Wohnen war das lebensgefĂ€hrlich, wir mussten das sofort einreißen. Aber keine Sorge, wir bauen das wieder auf. Bis dahin mĂŒsst ihr euch leider eine neue Bleibe suchen. Bei euren Freunden werdet ihr bestimmt was finden.“

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Jetzt, im Jahr 2023 spielt Dona FilĂł vor ihrem Haus noch immer Bisca mit ihren Freundinnen. Rute ist in der Zwischenzeit gestorben, aber Eveline hat ihren Platz eingenommen. In Sachen Wiederaufbau hat sich bislang nichts getan. Aber die 10 Jahre sind ja auch noch nicht rum.