Dreimal schwarzer Peter

Die Kapverden haben keine nennenswerte Industrie, fast alle Güter werden importiert und auch ein grosser Teil der Lebensmittel kommt aus dem Ausland. Fisch,  Ziegenkäse und ein Teil des Fleisches, Obstes und Gemüses stammen von den Kapverden. Alles andere angefangen von tiefgefrorenen Hähnchenschenkeln über Bier bis hin zu Baumaschinen wird im Ausland produziert und auf dem Seeweg eingeführt. Das geschieht hauptsächlich mit alten Stückgutfrachtern. Die Waren werden auf Paletten oder in Netzen aus den Laderäumen an Land gehievt und dass da so manches beschädigt, angedetscht, gequetscht und ramponiert wird, liegt auf der Hand. Trotzdem muss das Zeug unter die Leute und nach Möglichkeit ohne finanzielle Einbußen. So beginnt das Schwarzer-Peter-Spiel.


Die Regel ist ganz einfach: wer ihn zieht, beklagt sich nicht, sondern versucht, ihn möglichst unauffällig wieder los zu werden.

Vorige Woche musste ich eine Klospülung erneuern. Der Verkäufer brachte einen Karton und dann habe ich mich an die Überprüfung des Inhalts gemacht. Sind alle Teile vorhanden, haben die Dichtungen den richtigen Durchmesser, passen die Muttern auf das Gewinde, hat der Spülkasten auch keinen Sprung usw. Die Schlange hinter mir wurde immer länger, aber niemand war genervt – wat mutt dat mutt. Vielmehr gab es ein reges Interesse an der Begutachtung des Inhalts und ein älterer Herr machte mich darauf aufmerksam, dass die Dichtung für den Anschluss an die Kloschüssel fehlte. Der Verkäufer holte ohne auch nur mit der Wimper zu zucken einen zweiten Karton, der offenbar noch nicht geöffnet worden war, aus dem Lager, entnahm dort die entsprechende Dichtung, legte sie in meinen Karton und brachte den anderen Karton wieder nach hinten. Dort wartet er nun auf den nächsten Kunden und der schwarze Peter ging dieses Mal an mir vorbei.

In den letzten Jahren sind in São Filipe wie auch in allen anderen grösseren Orten Cabo Verdes chinesische Läden, die „Made in China“ verkaufen, wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Waren dort sind sehr günstig und eine starke Konkurrenz für die einheimischen Anbieter. Und Schwarzer Peter können die Inhaber auch gut. Letztes Jahr hatten sie Thermoskannen in Edelstahl – jedenfalls dachte ich das. Natürlich habe ich den Verschluss und den Gießmechanismus ordentlich kontrolliert – oben waren die Behälter auch doppelwandig und sie sahen wirklich schick aus. Entgangen war mir, dass sie im unteren Bereich nur einwandig waren ohne jede Isolationswirkung. Woher soll ich auch wissen, ob

nun „Thermos“ heißt, oder weiß der Teufel was.  Aber gekauft ist gekauft.

Auch auf dem Markt wird fleißig Schwarzer Peter gespielt. Die Marktfrauen leiten es mit dem bereits an anderer Stelle erwähnten intensiven Rufen oder Zischen ein. Manche scheuen auch vor körperlichen Übergriffen nicht zurück, was aber unter „amigos“ in Ordnung geht. Wenn mich dann eine schanghait hat, preist sie noch einmal die Vorzüge ihrer Waren und ich entscheide mich beispielsweise  für ein Pfund Tomaten. Meine neue amiga wählt dann sorgfältigst jede Tomate aus, prüft genau, hält sie in die Höhe, legt sie auch schon mal wieder zurück, nimmt eine neue, kurz, sie vermittelt ganz den Eindruck einer wirklich exklusiven Behandlung. Komisch nur, dass ich zu Hause wieder mal feststelle, dass zwei angefaulte dabei sind. So war es jedenfalls am Anfang. Jetzt suche ich mir meine Tomaten immer eigenhändig aus. Gerne gesehen wird das nicht, irgendwie ist es auch ein bißchen wie schummeln, aber so ganz klar sind die Regeln ja nicht und nachdem ich beobachtet habe, dass die Hausfrau neben mir es auch so macht, habe ich meine Hemmungen in dieser Hinsicht abgelegt.

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