{"id":2349,"date":"2026-02-05T21:59:39","date_gmt":"2026-02-05T20:59:39","guid":{"rendered":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/?page_id=2349"},"modified":"2026-04-15T17:04:53","modified_gmt":"2026-04-15T16:04:53","slug":"der-tote-von-ghon-ghon","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/?page_id=2349","title":{"rendered":"Die Mumie"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"has-text-align-center\"><strong>Nach dem Fu\u00dfball<\/strong><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"963\" height=\"769\" src=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/U12-Fussball.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2369 size-full\" srcset=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/U12-Fussball.jpg 963w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/U12-Fussball-300x240.jpg 300w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/U12-Fussball-768x613.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 963px) 100vw, 963px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>\u201eWie w\u00e4r&#8217;s, wenn du den Ball auch mal abgibst? Du rennst einfach nach vorne, da stehen dann drei Rote und weg ist der Ball\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem verlorenen Spiel gegen die U17 von Lagari\u00e7a war T\u00f3 ziemlich genervt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201dAn wen denn abgeben? Es l\u00e4uft ja keiner mit.\u201c Djilo war auch nicht gerade bester Laune.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eDann musst du eben mal langsamer machen, nicht alle sind so schnell wie du.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Jungen sa\u00dfen auf der Mauer am Spielfeldrand des Sportplatzes von Cabe\u00e7a do Monte und sahen dem Spiel der U12 zu, das gerade begonnen hatte. Hier spielten Jungen und M\u00e4dchen noch gemischt und einige barfu\u00df. Das allein hielt sie schon in Bewegung, denn zum Stehenbleiben war der von der gnadenlosen Sonne aufgeheizte Betonboden zu hei\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 wohnte zusammen mit seinen Eltern und Schwester Sonia in einem Haus direkt neben dem Sportplatz, Djilo bei seiner Tante Dita in einem kleinen Haus drei Kilometer weiter bergauf in Richtung Achada Fora. Die beiden Jungen kannten sich seit der <em>escola prim\u00e1ria. \u201e<\/em>Unzertrennlich\u201c w\u00e4re \u00fcbertrieben, aber sie verbrachten viel Freizeit gemeinsam \u2013 und die Zeit im <em>liceu, de<\/em>m Gymnasium der Inselhauptstadt S\u00e3o Filipe, sowieso.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Tante Dita verbrachte viel Zeit im <em>liceu, <\/em>oder besser gesagt am <em>liceu<\/em>. Jeden Morgen um 6:50 stiegen sie und Djilo in den Toyota Hiace von Zezinho, der f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Nahverkehr zust\u00e4ndig war. Tante Dita hatte ihren Korb mit S\u00fc\u00dfigkeiten dabei, den sie auf dem Kopf trug, als w\u00e4re er dort angewachsen. Au\u00dferdem einen Schemel und die Frigobox mit Wassereis in kleinen Plastikbeuteln und 3 Geschmacksrichtungen zum Auslutschen. Der Kleinbus hatte seine Kapazit\u00e4tsgrenze hinsichtlich der Anzahl der Passagiere zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich \u00fcberschritten, was jedoch niemanden interessierte. Um 6:55 stieg dann T\u00f3 an der Haltestelle Cabe\u00e7a do Monte zu und es folgten noch weitere Sch\u00fcler, die die <em>Escola Secund\u00e1ria Dr. Teixeira de Sousa, <\/em>wie das liceu offiziell hie\u00df, p\u00fcnktlich erreichen wollten. Die Passagiere unterhielten sich sehr angeregt und da man nicht nur das Gespr\u00e4ch der anderen, sondern auch noch das Motorger\u00e4usch \u00fcbert\u00f6nen musste, war der Ger\u00e4uschpegel betr\u00e4chtlich.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich wussten alle, was sich in dem Korb von Dita verbarg, auch wenn er mit einem gut verknoteten Tuch bedeckt war und Djilo z\u00f6gerte nicht, auf jede Hand zu hauen, die dem Korb zu nahe kam. Am <em>liceu <\/em>angekommen, ergoss sich der Strom der Sch\u00fcler einschlie\u00dflich Djilo und T\u00f3 zun\u00e4chst auf die Stra\u00dfe und dann ins Innere der Schule. Nur Dita setzte sich den Korb auf den Kopf, ergriff Frigobox und Schemel und ging zur Nordseite der Schulmauer. Dort war sie vor der Sonne gesch\u00fctzt, setzte sich auf den Schemel, stellte die Frigobox mit dem Wassereis neben sich und l\u00f6ste die Knoten des karierten Tuches, das den Inhalt des Korbes vor begehrlichen Blicken gesch\u00fctzt hatte. Der Arbeitstag konnte beginnen.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 und Djilo sa\u00dfen am Spielfeldrand des <em>Polivalente <\/em>von Cabe\u00e7a do Monte und diskutierten ihre Niederlage gegen die U17 von Lagari\u00e7a. Und dann sagte Djilo:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTante Dita hat gestern von der H\u00f6hle Ghon Ghon erz\u00e4hlt. Die ist ja gar nicht weit von uns weg. R\u00e4uber sollen dort gelebt haben und von da haben sie ihre Raubz\u00fcge gestartet und die <em>morgados <\/em>um Gold und Schmuck erleichtert. Ist schon lange her, mindestens 100 Jahre oder so.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>morgados<\/em> waren die Gro\u00dfgrundbesitzer, die bis zum bis zum Ende des 19. Jahrhunderts riesige L\u00e4ndereien besa\u00dfen und die Insel mehr oder weniger unter sich aufgeteilt hatten. Und das waren nicht nur Wei\u00dfe. Manche morgados hatten sich so in eine ihrer schwarzen Sklavinnen verliebt, dass sie sie heirateten und eines ihrer farbigen Kinder, meistens der Erstgeborene, wurde dann der rechtm\u00e4\u00dfige Erbe ihres Besitzes. Das Regiment dieser schwarzen morgados soll h\u00e4ufig brutaler gewesen sein, als das der wei\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVon der H\u00f6hle hab ich auch schon mal von geh\u00f6rt. Warst du mal da?\u201c fragte T\u00f3.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, aber in der N\u00e4he, ich war mal mit Inferno und seinen Ziegen da und er hat mir den Eingang gezeigt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eInferno?\u201c T\u00f3 sah Djilo fragend an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEigentlich Fernando, aber weil er so viel s\u00e4uft, nennen ihn alle Inferno \u2026 <\/p>\n\n\n\n<p>&#8230; stell dir mal vor, wir finden da noch was. Vielleicht wurden sie ja geschnappt und die Beute liegt noch in der H\u00f6hle\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 wiegte den Kopf. \u201eDie Polizei wird da bestimmt alles durchsucht haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGlaub ich nicht, Tante Dita sagt, es ist ein verwunschener Ort und vor 80 Jahren waren die Leute total abergl\u00e4ubisch, da ist keiner reingegangen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann sollten wir das auch nicht machen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBist du auch abergl\u00e4ubisch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa \u2013 wei\u00df nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir m\u00fcssen ja nicht weit reingehen \u2013 nur mal gucken,\u201c meinte Djilo.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBis zur H\u00f6hle komm ich mit, aber reingehen tu ich nicht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKommst du am Samstagmittag zu mir hoch?\u201c fragte Djilo, \u201enach der Kirche? Bis zur H\u00f6hle ist es h\u00f6chstens eine Stunde.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOK.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 und seine Familie geh\u00f6rten der Adventistengemeinde an und der Kirchgang am Samstag um 9:30 war selbstverst\u00e4ndlich. Aber jetzt im Mai war es noch bis halb acht hell, also gen\u00fcgend Zeit f\u00fcr einen kleinen Ausflug. T\u00f3 sagte nach dem Mittagessen, er wolle noch mal zu Djilo gehen und ihm bei Mathe helfen. Von der Wanderung zur H\u00f6hle erz\u00e4hlte er nichts.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die erste Erkundung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer halben Stunde kam T\u00f3 bei seinem Freund an und begr\u00fc\u00dfte Tante Dita, die gerade dabei war, den Saft von <em>tambarina<\/em> und <em>calaba\u00e7era<\/em> in kleine Plastikbeutel zu f\u00fcllen. Die w\u00fcrde sie dann am Montag als <em>fresquinha<\/em><em>s<\/em> f\u00fcr 20 escudos das St\u00fcck vor dem <em>liceu <\/em>in S\u00e3o Filipe verkaufen<em>.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 war wie immer von den \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen ersch\u00fcttert, in denen Djilo lebte. Das Haus bestand aus zwei Zimmern und war eigentlich noch immer im Rohbau. Nur eines der beiden Zimmer war verputzt. Die Deckenbalken waren aus <em>carrapato, <\/em>dem Stamm der Rizinuspflanze, die \u00fcberall in der <em>ribeira<\/em> wuchs. Das Holz war f\u00fcr diesen Zweck eigentlich v\u00f6llig ungeeignet, viel zu weich und es verrottete schnell, aber es kostete nichts. Das Dach bestand aus den Blechen von aufgeschnittenen \u00d6lf\u00e4ssern. Es gab keine Glasfenster, nur h\u00f6lzerne Fensterl\u00e4den, vor denen sich die Gardinen aus leichtem Stoff bei jedem Windzug bauschten. Und es gab weder ein Badezimmer noch eine Toilette. Nur ein Rohr mit einem Wasserhahn, das vor dem Haus aus der Erde ragte. Gekocht wurde ebenfalls vor dem Haus \u00fcber einer gemauerten offenen Feuerstelle mit einem Abzug, ebenfalls aus diesen Blechen, oder \u2013 wenn das Brennholz ausgegangen war &#8211; auf einem Gasbrenner, der direkt auf die Gasflasche geschraubt war.<\/p>\n\n\n\n<p>Immerhin, das Haus war seit einigen Jahren an die \u00f6ffentliche Strom- und Wasserversorgung angeschlossen. In dem gr\u00f6\u00dferen Raum standen ein K\u00fchlschrank und ein Fernsehger\u00e4t und eine nackte Gl\u00fchbirne baumelte von der Decke. Tante Dita hatte dort ihr Bett, Djilo schlief in dem kleinen Raum nebenan.<\/p>\n\n\n\n<p>Tante Dita war gerade dabei, den Karman \u00fcber der Feuerstelle aufzuh\u00e4ngen. Der Karman ist ein ausgeh\u00f6hlter K\u00fcrbis, der zur Herstellung von Xibati verwendet wird. Zuerst wird ein Pfund Butter im Dreibein bei kleinem Feuer zum Schmelzen gebracht, dann werden ein paar Handvoll grobes Meersalz, Knoblauch und Lorbeerbl\u00e4tter hinzugef\u00fcgt. Nach einiger Zeit wird das Salz wieder abgesch\u00f6pft, auf einem St\u00fcck Stoff ausgebreitet und abgek\u00fchlt. Danach kommt es in den Karman, der ein paar Tage im Rauch \u00fcber der Feuerstelle baumelt. Dann ist das Xibati fertig. Mit Xibati zu w\u00fcrzen ist das Non-plus-ultra der kapverdischen K\u00fcche und das Geheimnis einer wirklich gelungenen Katchupa. Die moderne Hausfrau benutzt heutzutage<br>allerdings Knorr.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo wurde ungeduldig: \u201eT\u00f3, lass uns losgehen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber seid vorsichtig,\u201c sagte Tante Dita mit besorgter Mine. \u201eDie H\u00f6hle ist nicht geheuer. R\u00e4uber gibt es wohl keine mehr, aber Onkel Balta hat mir mal erz\u00e4hlt, er h\u00e4tte geh\u00f6rt, dass da zwei Frauen reingegangen sind, von denen man niemals wieder was geh\u00f6rt hat. Das muss vor mehr als 30 Jahren gewesen sein, Onkel Balta ist ja 1995 nach Brockton ausgewandert. Ich kann ihn mal fragen, ob er noch was dar\u00fcber wei\u00df. Er antwortet auf whatsapp.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Onkel Balta war der Vater von Djilos Mutter Maria. Diese war vor 10 Jahren vom Gesundheitsamt S\u00e3o Filipe nach Lissabon evakuiert worden. Sie hatte einen Gehirntumor, der weder auf Fogo noch in der Hauptstadt Praia behandelt werden konnte. Die Operation in Lissabon soll erfolgreich gewesen sein, aber das war auch das letzte, was man von ihr geh\u00f6rt hat. Nach der Entlassung aus dem Hospital Santa Maria war Maria wie vom Erdboden verschluckt.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilos Vater Max lebte zu dieser Zeit in Mosteiros und hatte dort eine Frau und drei Kinder. Die Familie war nicht bereit, den \u201eFehltritt\u201c Djilo aufzunehmen und so war Djilo bei Tante Dita gelandet. Aber immerhin zahlte Max jeden Monat 3000 escudos an Dita \u2013 jedenfalls meistens.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo und T\u00f3 traten auf die Strasse und gingen ein paar Meter abw\u00e4rts. Kurz bevor sie rechts abbiegen wollten, kam Carlito von unten angeschnaubt. Carlito war klein und dick und niemand wurde aus ihm schlau. Einige hielten ihn f\u00fcr einen Freigeist, andere f\u00fcr einf\u00e4ltig. Er redete oft wirres Zeug \u2013 so schien es jedenfalls. Aber irgendwie lag auch immer eine Wahrheit in seinen Worten und manche trauten ihm sogar hellseherische F\u00e4higkeiten zu. Auf jeden Fall war er st\u00e4ndig auf Achse und beobachtete alles und jeden. Und er tauchte immer \u00fcberraschend auf, besonders, wenn irgendwo gekocht wurde. Das konnte er offenbar \u00fcber Kilometer riechen. Dann setzte er sich solange vor die T\u00fcr, bis den Leuten nichts anderes \u00fcbrig blieb, als ihm auch einen Teller anzubieten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa Jungs, wieder hinter M\u00e4dchen her?\u201c keuchte Carlito.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd du, hast du wohl schon lange hinter dir.\u201c entgegnete Djilo schlagfertig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMal im Ernst, Carlito,\u201c sagte T\u00f3 \u201eWir wollen zur H\u00f6hle da oben. Wei\u00dft du was dar\u00fcber?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJaa, der Ghon Ghon,\u201c sagte Carlito gedehnt, \u201eer lebt im hinteren Teil, wo die H\u00f6hle zum Vulkan f\u00fchrt &#8230; ein gef\u00e4hrlicher Bursche &#8230; zwei Frauen waren vor langer Zeit mal drin, Forscherinnen aus Frankreich. Wahrscheinlich sind sie zu weit gegangen und haben den Ghon Ghon getroffen. Sie sind nie wieder raus gekommen. Auch Nh\u00f4 Pintchorro konnte ihnen wohl nicht helfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e Nh\u00f4 Pintchorro?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e Nh\u00f4 Pintchorro, der gute Geist der <em>Ch<\/em><em>\u00e3 das Caldeiras<\/em>. Er besch\u00fctzt aber nur die Leute aus der <em>Ch<\/em><em>\u00e3<\/em> und warnt sie vor Unheil. Gegen Ghon Ghon ist er machtlos.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die <em>Ch\u00e3<\/em> war der gro\u00dfe Krater im Zentrum der Insel, eingeschlossen von hohen Felsw\u00e4nden, der <em>Bordeira, <\/em>die den Kraterboden um 1000 Meter \u00fcberragten. Im Krater thronte der fast 3000 Meter hohe Vulkan <em>Pico do Fogo<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Carlito blickte gedankenverloren zur <em>Bordeira<\/em> empor.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Anblick von Ghon Ghon muss schrecklich sein, er ist riesig und hat Haare wie ein Affe und die Augen spr\u00fchen Feuer. Er ist der <em>padr\u00e3o<\/em> der Vulkanhexen, die oben am Kraterrand leben. Im Dezember trifft er sich mit seinen <em>bruxas<\/em> in der H\u00f6hle,<em> <\/em>dann sollte man sie auf keinen Fall betreten. Aber gef\u00e4hrlich ist es immer, man wei\u00df ja nicht, wo er gerade ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd was ist mit den R\u00e4ubern?\u201c wollte Djilo wissen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTja, die waren irgendwann verschwunden. Vielleicht sind sie mit ihrer Beute einfach abgehauen, aber vielleicht ist ja auch was anderes passiert. Die Polizei hat sie jedenfalls nicht gekriegt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWie seid ihr eigentlich auf die H\u00f6hle gekommen?\u201c fragte Carlito neugierig. \u201eNiemand redet dar\u00fcber.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTante Dita hat davon erz\u00e4hlt,\u201c sagte Djilo<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas h\u00e4tte sie mal besser nicht machen sollen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der erste Teil des Weges zur H\u00f6hle Ghon Ghon war ein Ziegenpfad vorbei an einem alten Gem\u00e4uer, das vor langer Zeit mal ein kleiner Bauernhof gewesen war und l\u00e4ngst aufgegeben wurde. Dann verlor sich der Pfad auf einem Plateau. Jetzt ging es nur noch querfeldein weiter, aber Djilo erinnerte sich an ein paar markante Stellen. Nach 50 Minuten kamen die Jungen zu einer ziemlich steilen Wand. Der Aufstieg bestand aus losem Sand mit ein paar eingesprengten gr\u00f6\u00dferen Steinen. Ganz oben stand auf einer Felsnase eine zerzauste Akazie, die sich ihre Kraft aus einer Felsspalte holte, in die sie ihre Wurzeln versenkt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa m\u00fcssen wir rauf, hinter dem Gestr\u00fcpp ist der Eingang,\u201c sagte Djilo.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"960\" height=\"640\" src=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/grutamonteinhuco34-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2362 size-full\" srcset=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/grutamonteinhuco34-1.jpg 960w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/grutamonteinhuco34-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/grutamonteinhuco34-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Kurz darauf standen die beiden etwas au\u00dfer Atem vor einem etwa mannshohen Loch im Fels.\u201eNa, denn viel Spa\u00df, ich warte hier,\u201c sagte T\u00f3. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWieviel Saft hat denn dein Handy noch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa drinnen ist doch sowieso kein Empfang.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eIch meine wegen der Lampe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch so,\u201c entgegnete Djilo, \u201e&#8230; \u00e4h &#8230; 73%\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo stapfte los und schaltete die Lampe seines Handys ein. Er musste sich kurz b\u00fccken, um unter einem Fels\u00fcberhang hindurch zukommen, aber dann erweiterte sich die H\u00f6hle wieder und war etwa 3 Meter hoch. Der Boden war voller Schotter aber eben, das Gehen war einfach. Eigentlich war es auch keine H\u00f6hle, mehr ein Tunnel. Djilo ging etwa 100 Meter, \u00fcberlegte es sich dann aber anders und kehrte noch mal zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eT\u00f3, es ist wirklich total easy, nun komm schon.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 seufzte und setzte sich dann aber in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach ein paar Minuten versperrte ein gr\u00f6\u00dferer Felsbrocken den Weg. Daneben \u00f6ffnete sich eine schmale Spalte, die ins Dunkel f\u00fchrte, der Hauptgang schien sich aber hinter dem Felsen weiter fortzusetzen. Djilo kletterte \u00fcber den Fels hinweg und wollte schon weitergehen, da h\u00f6rte er T\u00f3 hinter sich fluchen. Er richtete den Schein der Handylampe auf den Felsen und sah T\u00f3 auf dem Bauch liegen. Er war von dem Fels abgerutscht und hatte einen Flip Flop verloren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch glaube, ich habe mir meinen Fu\u00df verknackst, so ein Mist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo reichte T\u00f3 die Hand und half ihm auf. Gott sei Dank war T\u00f3s Handy unbesch\u00e4digt \u2026 und der Fu\u00df offenbar auch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, geht\u2019s?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, ist nicht so schlimm, aber mir reicht&#8217;s, ich gehe zur\u00fcck. Wo ist der verdammte Flip Flop?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beiden suchten den Boden mit ihren Handys ab.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuck mal, was ist das denn da,\u201c sagte Djilo.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 b\u00fcckte sich und hob einen l\u00e4nglichen Gegenstand auf.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin altes Messer, total verrostet.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er reichte es Djilo.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIst doch interessant, nehm ich mal mit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo schob das Messer in die Hosentasche.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd hier ist auch dein Flip Flop.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso, ich hau jetzt ab,\u201c sagte T\u00f3.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo erinnerte sich, dass er mal geh\u00f6rt hatte, man sollte Wanderungen in den Bergen niemals alleine machen und wahrscheinlich galt das auch f\u00fcr H\u00f6hlen. Also folgte er T\u00f3 zum Ausgang.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stunde sp\u00e4ter waren sie wieder im Haus von Tante Dita.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, wie war&#8217;s? R\u00e4uber getroffen? Oder wenigstens ein paar goldene Ohrringe f\u00fcr Tante Dita gefunden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo und T\u00f3 erz\u00e4hlten von der H\u00f6hle und dass man darin ganz bequem gehen k\u00f6nne. Sie seien aber nur ein paar hundert Meter weit gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eCarlito hat gesagt, dass die H\u00f6hle bis weit unter die Ch\u00e3 reicht.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cCarlito?\u201d fragte Tante Dita verwundert.<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf erz\u00e4hlten die beiden Jungen von ihrer Begegnung mit Carlito und den unglaublichen Geschichten, die Carlito zum besten gegeben hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTja, viele hier halten das f\u00fcr wahr und ich bin mir auch nicht sicher, ob das alles nur M\u00e4rchen sind.\u201c sagte Tante Dita nachdenklich.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Djilo am Montag aus der Schule kam, lag das Messer, das er in der H\u00f6hle gefunden hatte, auf dem wackeligen K\u00fcchentisch.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHabe ich in deiner Hose gefunden, wo hast du das denn her?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAch, habe ich ganz vergessen zu erz\u00e4hlen &#8230; das haben wir in der H\u00f6hle gefunden, wo T\u00f3 vom Felsen abgerutscht ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dita untersuchte das Messer genauer. Es hatte einen Holzgriff, die Klinge war verrostet, etwas verbogen und nur f\u00fcnf Zentimeter lang.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin typisches Hirtenmesser, aber wie kommt das in die H\u00f6hle? Kein Hirte treibt sich da rum und in dieser H\u00f6hle schon gar nicht,\u201c sagte Tante Dita.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuck mal, hier ist was eingeritzt \u2026 RXM &#8230; vielleicht die Anfangsbuchstaben von einem Namen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber mit X?\u201c sagte Djilo \u201eIch kenne keinen Namen mit X \u2026 vielleicht soll es ja auch R+M hei\u00dfen \u2026 Ronaldo Miranda oder so.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa,\u201c sagte Tante Dita, \u201ekann sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuck mal hier, das Messer aus der H\u00f6hle.\u201c Djilo stand mit T\u00f3 zusammen in der gro\u00dfen Pause auf dem Schulhof.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa ist was eingeritzt \u2026 RXM oder R+M \u2026 Tante Dita meint, das sind die Anfangsbuchstaben von einem Namen. Wem das wohl geh\u00f6rt hat? Wahrscheinlich lag es da schon ewig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGib mal her,\u201c sagte T\u00f3, \u201eich zeige das meinem Vater, der besch\u00e4ftigt sich mit solchen Sachen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3s Vater Z\u00e9 war Lehrer an der <em>escola b\u00e1sica<\/em> zwischen <em>Cabe\u00e7a do Monte<\/em> und <em>Cisterno<\/em> und tats\u00e4chlich hatte er ein Hobby, die Geschichte der Insel Fogo. Er sammelte alles, was er an B\u00fcchern oder Schriften zu diesem Thema in die Finger bekommen konnte und notierte die Berichte der <em>velinhos,<\/em> der Alten aus der Nachbarschaft.<\/p>\n\n\n\n<p>Z\u00e9 drehte das Messer zwischen seinen Fingern hin und her.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWirklich interessant, wo habt ihr das genau gefunden?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 erz\u00e4hlte die Geschichte von der H\u00f6hlenbesichtigung und merkte zu sp\u00e4t, dass er sich gerade um Kopf und Kragen redete. Er hatte beim Abschied am Samstag gesagt, er wolle Djilo bei Mathe helfen und nun hatte er gerade zugeben, dass sie am Nachmittag in der H\u00f6hle waren. Seinem Vater war das auch nicht entgangen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd da in der H\u00f6hle habt ihr dann Mathe gemacht!?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Vater Z\u00e9 sah T\u00f3 streng an, aber das Messer fesselte seine Aufmerksamkeit zu sehr, als dass er sich jetzt mit der kleinen L\u00fcge seines Sohnes auseinandersetzen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p><br>\u201eIch muss mal was nachgucken \u2026 RXM \u2026 das X \u2026 vielleicht Xavier &#8230; \u201c murmelte er.<\/p>\n\n\n\n<p>Z\u00e9 w\u00fchlte in einem Ordner mit der Aufschrift \u201eGenealogia Teixeira Mendes\u201c und verglich verschiedene Seiten miteinander. Inzwischen war auch seine Frau Carla aus der K\u00fcche ins Wohnzimmer gekommen und schaute ihrem Mann \u00fcber die Schulter.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Gro\u00dfvater \u2013 also dein Urgro\u00dfvater \u2013 war ein Mendes, Domingo Mendes. Er ist 2021 gestorben, du erinnerst dich bestimmt noch. Wir waren auf seiner Beerdigung in <em>Cova Figueira<\/em>. Er ist 76 Jahre alt geworden. Und seine Mutter Augusta &#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Z\u00e9 raschelte wieder mit den Papieren,<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e&#8230; seine Mutter Augusta hat hier in Cabe\u00e7a do Monte gelebt. Aber weiter oben, dieses Haus gab es j\u00e1 noch nicht. Sie ist hier auch gestorben, das war 1947, in der Hungersnot \u2013 mit 24 Jahren. Da war ihr Sohn Domingo erst 3 Jahre alt, aber der hat \u00fcberlebt. Und Augustas Vater &#8230;\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>Z\u00e9 fischte noch einen anderen Ordner aus dem Regal und bl\u00e4tterte darin,<\/p>\n\n\n\n<p>\u201c&#8230; ihr Vater \u2026 wurde auch hier geboren und getauft, 1905, und er hie\u00df \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Z\u00e9 studierte ein Blatt mit handschriftlichen Notizen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e&#8230; und er hie\u00df \u2026 Rico Xavier Mendes \u2026 mein Ururgro\u00dfvater.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRXM,\u201c sagten Carla und T\u00f3 wie aus einem Mund.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa,\u201c sagte Z\u00e9, \u201eer war wohl freier Ziegenhirte, d.h. die Ziegen, die er h\u00fctete, geh\u00f6rten keinem <em>morgado<\/em>, sondern ihm selber.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber wie kommt sein Messer in die H\u00f6hle?\u201c \u00fcberlegte Carla. \u201eFr\u00fcher waren die Leute doch noch viel abergl\u00e4ubischer als heute. Er ist bestimmt nicht freiwillig in die H\u00f6hle gegangen, viel zu viel Angst vor <em>Ghon Ghon<\/em>.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHier habe ich noch eine Notiz gemacht,\u201c sagte Z\u00e9, \u201e dieser Rico ist 1948 einfach verschwunden. Hat sich scheinbar in Luft aufgel\u00f6st. Es gab auch eine Suchaktion der Polizei aus S\u00e3o Filipe. Aber man hat ihn nicht gefunden, weder lebendig noch tot. Das letzte Lebenszeichen stammt von einem Eduardo de Ribeiro. Der war <em>Panhador de Purgeira, <\/em>also er hat Purgiern\u00fcsse gesammelt und an die <em>morgados<\/em> verkauft. Und dieser Eduardo hat bei der Polizei zu Protokoll gegeben, dass er Rico oberhalb von Cisterno getroffen und ihm 15 Ziegen abgekauft hat. Rico soll dann mit den restlichen Ziegen weiter Richtung Achada Fora gegangen sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJahrelang kein Regen.\u201c sagte Carla, \u201eDeshalb sind die Hirten immer weiter nach oben gezogen, um morgens wenigstens etwas Tau zu finden f\u00fcr sich und die Tiere und vielleicht auch noch etwas trockenes Gras. Viele Ziegen sind gestorben oder mussten geschlachtet werden. Und wegen dem gro\u00dfen Krieg sind auch keine F\u00e4sser mehr aus den Staaten gekommen. Es m\u00fcssen schreckliche Zeiten gewesen sein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich erhielten viele Familien traditionell einmal im Jahr per Seefracht ein <em>bid<\/em><em>\u00e3o<\/em> von Verwandten aus den USA. Die F\u00e4sser enthielten haupts\u00e4chlich unverderbliche Lebensmittel wie Reis oder getrocknete Bohnen, Stoffe und Bekleidung. Aber wegen der deutschen U-Boot Blockade im Zweiten Weltkrieg waren die Transporte praktisch zum Erliegen gekommen. F\u00fcr die Versorgung der Kapverden war das eine Katastrophe und viele Menschen sind ihr zum Opfer gefallen. Erst 1948 liefen die Transporte langsam wieder an. Der Segelschoner \u201eErnestina\u201c war einer der ersten, der die Route nach dem gro\u00dfen Krieg wieder aufnahm.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNicht nur Tiere sind gestorben,\u201c warf Z\u00e9 ein. \u201eViele Leute auch hier in Cabe\u00e7a do Monte sind in diesen Jahren ums Leben gekommen. Die Zisternen waren leer, die Vorr\u00e4te waren aufgebraucht, die Felder bestanden nur noch aus Staub \u2013 die Menschen waren v\u00f6llig entkr\u00e4ftet, sind morgens einfach nicht mehr aufgestanden und einen Tag sp\u00e4ter waren sie tot. Deshalb wurde das Verschwinden eines Menschen auch nicht gro\u00df beachtet, der Tod war einfach \u00fcberall.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 lag noch lange wach. Die drastischen Schilderungen seines Vaters hatten ihn ziemlich mitgenommen. Und wie kam das Messer in die H\u00f6hle? K\u00f6nnten Tiere es da hinein geschleppt haben? Ziemlich unwahrscheinlich. Oder Rico war doch in der H\u00f6hle gewesen und hatte das Messer dort verloren. Vielleicht hatte er ja gedacht, in der H\u00f6hle Wasser zu finden. Diese Hoffnung konnte st\u00e4rker gewesen sein, als die Angst vor <em>Ghon Ghon<\/em>. Sp\u00e4t fiel T\u00f3 in einen unruhigen Schlaf.<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag berichtete T\u00f3 seinem Freund von den vielen neuen Erkenntnissen, die er von seinem Vater erhalten hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Ziegenhirte hier aus der Gegend hat das Messer verloren,\u201c sagte Djilo \u201eund du bist auch noch mit ihm verwandt. Das ist schon verr\u00fcckt. Aber was wollte er in der H\u00f6hle? \u2026 Vielleicht war er ja auch hinter dem Schatz der R\u00e4uber her&#8230;\u201c und nach einer Pause: \u201e&#8230;wir sollten unbedingt noch mal in die H\u00f6hle und genauer nachsehen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, ok, aber mit Taschenlampe und Turnschuhen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe keine Turnschuhe,\u201c entgegnete Djilo.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu Hause erz\u00e4hlte Djilo seiner Tante von den neuen Erkenntnissen, die der Vater von Z\u00e9 herausgefunden hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd dieser Rico ist tats\u00e4chlich ein Ururgro\u00dfvater von T\u00f3 \u2026 hatte eine eigene Ziegenherde, die hat er an einen Eduardo verkauft und ist einfach verschwunden, 1949. Und dieser Eduardo hie\u00df genauso wie wir, de Ribeiro. Vielleicht sind wir ja auch mit dem verwandt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa,\u201c sagte Tante Dita, \u201edas kann gut sein. Ich spreche mal mit Onkel Balta in Brockton, der kennt sich gut aus mit unserer Familie \u2013 aber woher wei\u00df T\u00f3s Vater das alles?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGeschichte ist sein Hobby, er hat sogar die Vermisstenanzeige von dem Ururgro\u00dfvater.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die zweite Erkundung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Mal musste T\u00f3 nicht \u00fcberredet werden. Auch seine Neugierde war geweckt und au\u00dferdem kannten sie ja nun die H\u00f6hle <em>Ghon Ghon<\/em> schon \u2013 jedenfalls bis zu dem gro\u00dfen Felsen. T\u00f3 tauchte bei Djilo am Samstag um 9:00 auf und eine Stunde sp\u00e4ter standen sie am H\u00f6hleneingang. T\u00f3 hatte von seinem Vater eine kr\u00e4ftige Taschenlampe erhalten und die Ermahnung, keine Risiken einzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDjilo ist ja ein netter Kerl,\u201c hatte er gesagt, \u201eaber er ist auch chaotisch, lass dich nicht auf verr\u00fcckte Ideen ein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sie gingen langsam in der H\u00f6hle voran und leuchteten die W\u00e4nde und den Boden ab. Irgendetwas auff\u00e4lliges fanden sie aber nicht. Der Boden war eben und es gab auch keine nennenswerten Steigungen. Nach ungef\u00e4hr 5 Minuten kamen sie an dem gro\u00dfen Felsbrocken an und hier leuchteten sie den Boden besonders gr\u00fcndlich ab, aber es gab nichts besonderes. Dann leutete T\u00f3 in die Felsspalte neben dem Fels. Dort lag ein l\u00e4nglicher Felsen, die ihnen zugewandte Seite geformt wie zwei menschliche F\u00fc\u00dfe und auch der Rest \u00e4hnelte verbl\u00fcffend einem menschlichen K\u00f6rper, der halb auf der Seite lag. Djilo ging noch etwas n\u00e4her und T\u00f3 leuchtete. Die Erkenntnis traf beide gleichzeitig wie ein Blitz aus heiterem Himmel: Es war ein menschlicher K\u00f6rper.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo machte einen hastigen Schritt zur\u00fcck und stie\u00df gegen T\u00f3, der mit offenem Mund wie erstarrt da stand.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo fand als erster die Sprache wieder \u201eOb das der Ziegenhirte ist?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch hab noch nie einen Toten gesehen, Djilo,\u201c fl\u00fcsterte T\u00f3<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch auch nicht.\u201c entgegnete Djilo, der sich schnell von dem ersten Schrecken erholt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGib mir mal das Licht.\u201c Dann zw\u00e4ngte er sich durch den Spalt, darauf achtend, den K\u00f6rper nicht zu ber\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo richtete den Lichtkegel auf den K\u00f6rper. Die Beine der Gestalt waren leicht angewinkelt und die Arme umschlossen einen fu\u00dfballgro\u00dfen Stein vor dem Gesicht, fast, als wolle er ihn umarmen. Ein grober Baumwollumhang h\u00fcllte den Oberk\u00f6rper ein, steif und von einer dicken Staubschicht \u00fcberzogen. Darunter eine einfache Hose, deren Stoff morsch wirkte als k\u00f6nne er jeden Moment ebenfalls zu Staub zerfallen. Die Bekleidung lag so eng am K\u00f6rper an, als bef\u00e4nden sich unter dem Stoff nichts als Knochen. Die nackten F\u00fc\u00dfe wirkten ebenfalls wie mit Pergamentpapier bespannte Gebeine.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann leuchtete Djilo auf das Gesicht der Gestalt und sein Magen krampfte sich zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es wirkte wie eine Skulptur aus dunkelbraunem Leder. Die Haut war so straff \u00fcber die Knochen gezogen, dass man jede Kontur des Sch\u00e4dels erkennen konnte, aus dem ein paar Haarb\u00fcschel ragten. Die Augenh\u00f6hlen waren tiefe, schwarze Krater, und der Mund stand einen Spalt weit offen. Die Lippen hatten sich zur\u00fcckgezogen und entbl\u00f6\u00dften die Z\u00e4hne zu einem fratzenhaften Grinsen. Und \u00fcber allem lag eine feine Schicht graubraunen Staubes.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDjilo, la\u00df uns hier weg,\u201c bat T\u00f3 von hinten.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinen Moment noch.\u201c Djilo hatte einen kleinen Stoffbeutel neben dem Kopf der Leiche entdeckt, der an einem Band befestigt war, das um den Hals des Toten lag. Es kostete ihn gr\u00f6\u00dfte \u00dcberwindung, aber dann siegte die Neugierde. Djilo zog den Stoff an der Oberkante auseinander. Die Naht riss auf und er sch\u00fcttete den Inhalt auf den staubigen Boden.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor ihm lagen einige Samen, die er nicht kannte, ein Rosenkranz aus Holzperlen, ein vielfach gefalteter Zettel, ein Amulett mit einem Bild der heiligen Jungfrau und eine kleine Blechdose. Den Zettel und die Blechdose stopfte Djilo in seine Hosentasche, die anderen Dinge tat er zur\u00fcck in den Beutel.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNun komm schon, das ist hier kein guter Ort, wir m\u00fcssen hier weg.\u201c T\u00f3 war immer unbehaglicher zumute.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo stand auf, dr\u00fcckte sich wieder durch den Felsspalt und dann traten beide den R\u00fcckweg an.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stunde sp\u00e4ter sa\u00dfen Djilo und T\u00f3 auf der Holzbank vor dem Haus von Tanta Dita.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd, habt ihr Fotos gemacht?\u201c Die beiden Jungen schauten sich an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, darauf sind wir gar nicht gekommen,\u201c antwortete Djilo.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd was machen wir jetzt?\u201c fragte T\u00f3.<\/p>\n\n\n\n<p>Tante Dita, der sie alles erz\u00e4hlt hatten, strich sich \u00fcber die Sch\u00fcrze.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, wenn man eine Leiche findet, meldet man das der Polizei.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, kannst du da mal anrufen, Tante Dita?\u201c fragte Djilo.<\/p>\n\n\n\n<p>Tante Dita suchte die Nummer von der Polizeistation S\u00e3o Filipe auf ihrem Handy und unterhielt sich ein paar Minuten mit jemandem. Sie musste alles zweimal wiederholen, aber dann hatte der Beamte wohl verstanden, um was es ging.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cKeiner von denen kennt die H\u00f6hle Ghon Ghon.\u201d sagte Tante Dita, \u201cSie schicken morgen um zehn zwei <em>funcion\u00e1rios<\/em> vorbei, um die Sache aufzunehmen. Denen m\u00fcsst ihr dann die Stelle zeigen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHier guck mal, Tante Dita,\u201c sagte Djilo, \u201edas habe ich in dem Beutel gefunden, den er um den Hals getragen hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo holte den gefalteten Zettel und die kleine Tabakdose aus seiner Hosentasche und legte sie auf die Bank.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst \u00f6ffnete er die Dose. Darin befand sich eine kleine Schachtel aus Holzfurnier. Das aufgeklebte Etikett zeigte eine Sonne und die Aufschrift <em>F\u00f3sforos de Seguran\u00e7a<\/em>, Sicherheitsz\u00fcndh\u00f6lzer. Im Inneren der Schachtel lagen 8 dieser Z\u00fcndh\u00f6lzer mit einem dunkelbraunen Kopf, deren Besitz 1947 auf einen gewissen Wohlstand schlie\u00dfen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann entfaltete Djilo vorsichtig den Zettel, an dessen Faltstellen das Papier schon auseinander fiel. Es handelte sich um einen amtlichen Vordruck, der handschriftlich ausgef\u00fcllt war. Die Schrift war br\u00e4unlich und verblichen, aber noch lesbar. Das Dokument trug die \u00dcberschrift <em>Certid\u00e3o de \u00d3bito<\/em>, war also ein Totenschein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bescheinigt wurde der Tod von Augusta Amalia Neves Mendes am vierzehnten Tage des Monats Februar im Jahre neunzehnhundertsiebenundvierzig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Vater hat Augusta Mendes erw\u00e4hnt,\u201c sagte T\u00f3, \u201eich glaube, sie war die Mutter von meinem Urgro\u00dfvater Domingo, der vor ein paar Jahren in Cova Figueira beerdigt wurde. Sie ist blo\u00df 24 Jahre alt geworden und in Cabe\u00e7a do Monte w\u00e4hrend der gro\u00dfen Hungersnot gestorben. Domingo ist dann wohl bei Verwandten aufgewachsen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGuck mal hier,\u201c Dita deutete auf ein paar Zeilen weiter unten. \u201eDa wird der Vater der Toten genannt: Ricardo Xavier Mendes \u2026 Er hat den Totenschein seiner Tochter bei sich getragen \u2013 <em>o meu deus<\/em>.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Alle drei schauten sich betroffen an. Pl\u00f6tzlich hatte sie die weit zur\u00fcckliegende Vergangenheit mit voller Wucht getroffen.<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3, immer noch ziemlich mitgenommen von den Ereignissen des Tages, verabschiedete sich und ging nach Hause.<\/p>\n\n\n\n<p>Z\u00e9 und Carla schauten ihren Sohn erst erwartungsvoll und dann besorgt an, als sie seinen bek\u00fcmmerten Gesichtsausdruck sahen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJunge, was ist passiert?\u201c fragte Carla. T\u00f3 schluckte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir haben eine Leiche gefunden, da wo auch das Messer lag.\u201c Und dann erz\u00e4hlte er die ganze Geschichte, ab und zu unterbrochen von Z\u00e9, der alles wie immer ganz genau wissen wollte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDa geht Rico in eine H\u00f6hle, obwohl er davor eine Heidenangst hat, zw\u00e4ngt sich durch eine Felsspalte und stirbt. So kann es ja wohl nicht gewesen sein,\u201c Z\u00e9 lehnte sich auf dem Sofa zur\u00fcck und dachte nach.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielleicht war er schon tot und jemand hat ihn dorthin gebracht, um die Leiche zu verstecken. Und dabei ist das Messer aus seiner Tasche gefallen. Vielleicht wurde er ja sogar umgebracht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eZ\u00e9, so etwas solltest du nicht sagen.\u201c fl\u00fcsterte Carla erschrocken.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuf jeden Fall m\u00fcssen wir die Polizei verst\u00e4ndigen.\u201c sagte Z\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eTante Dita hat das schon gemacht, sie kommen morgen und wollen sich das ansehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag um 10:30 qu\u00e4lte sich eine Kolonne von drei Fahrzeugen den Berg hoch und hielt auf der H\u00f6he von Ditas Haus, in dem Djilo und T\u00f3 bereits warteten. Aus dem ersten Wagen stiegen zwei Polizeibeamte aus, einer in Zivil und ein dicker in Uniform, der den Wagen gefahren hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dem zweiten Wagen entstieg ein Herr im wei\u00dfen Kittel und mit einem kleinen Handkoffer, Dr. Andrea Bianchi vom Hospital S\u00e3o Francisco de Assis.<\/p>\n\n\n\n<p>Im dritten Wagen, einem klapprigen Toyota mit kaputtem Auspuff, sa\u00df Ulisses. Er war der Regionalreporter der Nachrichtenagentur <em>Inforpress. <\/em>Im wurden beste Kontakte zur Polizei nachgesagt und so hatte er von der Sache Wind bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die beiden Polizisten begr\u00fc\u00dften Dita und die Jungen und stellten sich als Commis\u00e1rio Manuel Almeida und Agente Admilson Varela vor. Letzterer blickte zur Bordeira hinauf und erkl\u00e4rte, er werde beim Wagen bleiben und den Kontakt zur Zentrale halten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer kurzen ersten Befragung setzte sich die kleine Karawane zu Fu\u00df in Richtung H\u00f6hle in Bewegung. An der Spitze Djilo und T\u00f3, dann Comiss\u00e1rio Almeida und Dr. Bianchi. Und jetzt stieg auch Ulisses aus seinem Wagen aus und folgte der Gruppe in einigem Abstand.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die dritte Erkundung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg dauerte dieses Mal deutlich l\u00e4nger. Dr. Bianchi war zwar ein gro\u00dfer und schlanker Mann, aber um seine Kondition war es nicht gut bestellt und immer wieder musste die Gruppe auf seine Bitte hin eine Pause einlegen. Seinen Arztkoffer hatte er schon vor einiger Zeit an Djilo abgegeben, der ihn mit gro\u00dfer Vorsicht trug. Als sie an dem letzten steilen Anstieg angekommen waren, blickte Dr. Bianchi zu der Akazie hoch und strich sich verzweifelt \u00fcber das Haar. Dann seufzte er und machte sich als erster an den Aufstieg.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Ulisses hatte Probleme, der Gruppe zu folgen und war Dr. Bianchi wegen der Pausen sehr dankbar. Aber wenn das stimmte, was die beiden Jungen erz\u00e4hlt hatten, k\u00f6nnte es nicht nur ein kurzer Bericht, sondern eine gr\u00f6\u00dfere Reportage werden \u2013 und wer wei\u00df, vielleicht konnte er sie sogar an eine der drei gro\u00dfen Wochenzeitschriften verkaufen. Diese Aussicht war sehr motivierend, aber der Aufstieg zum H\u00f6hleneingang entschieden zu viel. Als Ulisses die Gruppe am Fu\u00dfe des sandigen Abhangs schwer atmend erreicht hatte, sch\u00e4rfte er T\u00f3 ein, auf keinen Fall zu vergessen, Fotos zu machen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Vierergruppe stand vor dem Eingang der H\u00f6hle <em>Ghon Ghon<\/em> und <em>Comiss\u00e1rio<\/em> Almeida zog einen Block aus der Tasche und notierte Ort und Uhrzeit. Dr. Bianchi keuchte noch, l\u00e4chelte aber schon wieder. Immerhin hatte er gerade die gr\u00f6\u00dfte k\u00f6rperliche Herausforderung der letzten Jahre bestanden. T\u00f3 und Djilo warteten gespannt, wie es nun weiter gehen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Vater meint, es k\u00f6nnte vielleicht sogar ein Mord sein,\u201c fl\u00fcsterte T\u00f3 Djilo zu.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"707\" src=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Mumie-1-1024x707.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2556 size-full\" srcset=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Mumie-1-1024x707.png 1024w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Mumie-1-300x207.png 300w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Mumie-1-768x530.png 768w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Mumie-1.png 1037w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>\u201eJa, dann zeigt uns mal den Weg,\u201c sagte der <em>Comiss\u00e1rio<\/em>, schaltete seine Taschenlampe ein und deutete mit einer Handbewegung an, dass Djilo und T\u00f3 vorangehen sollten. Dr. Bianchi betrat die H\u00f6hle als letzter. Er hatte seinen Arztkoffer wieder an sich genommen.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Djilo und T\u00f3 war der Weg im Dunkel mittlerweile schon vertraut. Die Lichtkegel der Lampen geisterten \u00fcber die H\u00f6hlenw\u00e4nde und an manchen Stellen waren die Steine so glatt geschliffen, dass sie das Licht reflektierten.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigen Minuten bat Dr. Bianchi um eine kurze Pause. Diesmal aber nicht, um zu verschnaufen, vielmehr holte er ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche, entz\u00fcndete es und hielt es in die H\u00f6he. Die Flamme brannte ruhig und aufrecht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKein Luftzug,\u201c konstatierte er und ging weiter.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurz darauf kamen sie zu dem gro\u00dfen Felsen und Djilo deutete auf die Spalte daneben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir sind da,\u201c sagte er, \u201eer liegt direkt hinter dem Eingang.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Bianchi und der <em>Comiss\u00e1rio<\/em> leuchteten durch den Spalt und dann schauten sie sich an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch gehe zuerst rein und mache ein paar Fotos,\u201c sagte der <em>Comiss\u00e1rio<\/em>, dann k\u00f6nnen Sie in Ruhe ihre Arbeit machen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er zw\u00e4ngte sich durch den Spalt und Dr. Bianchi leuchtete von au\u00dfen auf den Leichnam. T\u00f3 und Djilo standen neben dem Felsen und sahen schemenhaft die Gestalt des Polizisten, der sich geb\u00fcckt um den auf dem Boden liegenden K\u00f6rper bewegte und die Blitze seiner Kamera. Nachdem der <em>Comiss\u00e1rio <\/em>den Spalt wieder durchquert hatte, \u00f6ffnete Dr. Bianchi seinen Koffer, nahm ein Paar wei\u00dfliche Plastikhandschuhe heraus und streifte sie \u00fcber.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch gehe jetzt rein, wenn Sie mir dann bitte meinen Koffer reichen k\u00f6nnten \u2013 und bitte weiter leuchten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Bianchi kniete neben der Leiche. Er \u00f6ffnete seinen Koffer, entnahm ein Diktierger\u00e4t und leuchtete den reglosen K\u00f6rper mit seiner Taschenlampe von allen Seiten systematisch ab. Dann begann er, seine Beobachtungen zu protokollieren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e Dr. Bianchi, Insel Fogo, Kapverden, H\u00f6hle genannt Ghon Ghon in gesch\u00e4tzt 1600 Metern H\u00f6he, gesch\u00e4tzt 400 Meter im Inneren. Temperatur &#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>er kramte wieder in seiner Tasche und f\u00f6rderte ein Thermometer zu Tage \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cTemperatur 15\u00b0 Celsius, vermutlich ganzj\u00e4hrig relativ konstant, keine Luftbewegung, Luftfeuchtigkeit gesch\u00e4tzt gering.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEine Leiche, bedeckt mit einer d\u00fcnnen Staubschicht, nach K\u00f6rperstruktur und Bekleidung vermutlich m\u00e4nnlichen Geschlechts, Alter zwischen 30 und 50 Jahren, in Seitenlage rechts, Beine leicht angewinkelt, Kopf liegt im Nacken, die Arme nach vorne ausgestreckt. Bekleidet mit einer Hose und einer Jacke vermutlich aus Baumwolle, Originalfarbe nicht mehr erkennbar, barfu\u00df. Neben dem K\u00f6rper liegt ein Stoffbeutel, den der Tote um den Hals getragen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der K\u00f6rper bietet alle Anzeichen einer abgeschlossenen Mumifizierung. Ein Geruch ist nicht wahrnehmbar. Die sichtbare Haut ist lederartig, dunkelbraun und klebt direkt am Skelett. Eine starke Auszehrung vor dem Tod ist wahrscheinlich. Aug\u00e4pfel eingetrocknet. Lippen zur\u00fcckgezogen, Gebi\u00df nicht mehr vollst\u00e4ndig, es fehlen zwei Molare im Unterkiefer und ein Schneidezahn im Oberkiefer. Haarb\u00fcschel auf dem Sch\u00e4del. Mumifizierung durch Dehydration bei geringer Luftfeuchtigkeit.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Bianchi legte das Diktierger\u00e4t aus der Hand und begann, den K\u00f6rper abzutasten. Vorsichtig \u00f6ffnete er die Jacke, legte zwei Finger auf die Brust des Toten und klopfte mit der anderen Hand darauf. Dann griff er wieder zu dem Diktierger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eThorax klingt hohl. Keine Anzeichen von verfl\u00fcssigtem Gewebe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Als n\u00e4chstes tastete Dr. Bianchi den Kopf ab. Als seine Finger unter den Sch\u00e4del glitten, blies er einen scharfen Luftsto\u00df durch die Z\u00e4hne. Dann diktierte er:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDeprimierte Sch\u00e4delfraktur im Bereich des Os occipitale. Vermutlich durch stumpfe Gewalteinwirkung oder einen Sturz.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Comiss\u00e1rio, der die Untersuchung der Leiche durch die Felsspalte gebannt verfolgt hatte, konnte seine Neugier nicht zur\u00fcckhalten:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDoktor, was bedeutet das?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Tote k\u00f6nnte gest\u00fcrzt sein und ist dann r\u00fccklings mit dem Hinterkopf auf einem Felsen aufgeschlagen. Daf\u00fcr ist die Verletzung aber eigentlich zu massiv. Vermutlich wurde er erschlagen, wahrscheinlich wurde ihm ein Stein mit viel Kraft auf den Hinterkopf geschmettert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo blickte auf T\u00f3.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eErschlagen,\u201c fl\u00fcsterte er ungl\u00e4ubig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn sie zustimmen, Comiss\u00e1rio, schneide ich den Beutel ab,\u201c sagte Dr. Bianchi, \u201eden k\u00f6nnen wir mitnehmen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Comiss\u00e1rio<\/em> nickte.<\/p>\n\n\n\n<p>Dr. Bianchi holte eine Schere aus seiner Tasche, durchtrennte den Faden, mit dem der Beutel um den Hals des Toten hing und verstaute ihn in einer Plastikt\u00fcte. Dann erhob er sich, reichte dem Comiss\u00e1rio seine Tasche und zw\u00e4ngte sich durch den Spalt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas war es erst mal, mehr kann ich im Moment nicht tun.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der R\u00fcckweg durch die H\u00f6hle verlief schweigend. Als sie wieder im grellen Sonnenlicht standen, an das sich die Augen erst einmal gew\u00f6hnen mussten, sagte der <em>Comiss\u00e1rio<\/em>:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch werde jetzt meinen Bericht machen und dann muss Richter Lopes entscheiden, wie es weitergeht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa,\u201c sagte Dr. Bianchi, \u201e der K\u00f6rper ist sehr zerbrechlich, es wird enorm schwierig, ihn ins Tal zu schaffen, ohne ihn zu zerst\u00f6ren. &#8211; Und noch etwas: es ist h\u00f6chst unwahrscheinlich, dass der Mann dort zu Tode gekommen ist, wo wir ihn gefunden haben, daf\u00fcr ist der Raum hinter dem Spalt viel zu klein.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Am Fu\u00dfe des sandigen Abhangs trafen sie auf Ulisses, der sich unter einer <em>Jacaranda <\/em>niedergelassen hatte und sie gespannt erwartete.<\/p>\n\n\n\n<p>Er trat an T\u00f3 heran.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNa, was gibt es Neues?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 schaute unsicher zum <em>Comiss\u00e1rio<\/em>. Der zuckte nur mit den Schultern.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, also \u2026 der Mann wurde erschlagen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Mord?\u201c Dann w\u00fcrde es bestimmt eine lukrative Reportage werden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMal langsam,\u201c sagte der <em>Comiss\u00e1rio<\/em>, der dazu getreten war. \u201eErstens ist ein Unfall noch nicht ausgeschlossen und zweitens: auch wenn der Mann erschlagen wurde, ist der Tathergang ungekl\u00e4rt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd was ist mit den Fotos?\u201c Ulisses blickte T\u00f3 erwartungsvoll an.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDaran habe ich \u00fcberhaupt nicht mehr gedacht,\u201c sagte T\u00f3, \u201eaber der Comiss\u00e1rio hat welche.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Ulisses verdrehte die Augen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, und das wollte ich Ihnen noch geben,\u201c sagte T\u00f3 an den Comissario gewandt und zog das Messer aus der Tasche.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas haben wir vor dem Felsen gefunden, vielleicht geh\u00f6rt es dem Toten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Comiss\u00e1rio <\/em>nahm das Messer und betrachtete es eingehend.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eRXM &#8230;\u201c und an T\u00f3 gewandt: \u201eAlso direkt vor der Felsspalte?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa,\u201c antwortete T\u00f3, \u201ees lag da auf dem Boden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Vater meint, es k\u00f6nnte vielleicht einem Rico Xavier Mendes geh\u00f6rt haben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWoher will er das denn wissen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Vater besch\u00e4ftigt sich mit so alten Geschichten, das ist sein Hobby.\u201c erkl\u00e4rte T\u00f3. \u201eUnd Rico Xavier Mendes ist sein Ururgro\u00dfvater.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Stunde sp\u00e4ter kam der Trupp wieder bei den Autos an, die am Stra\u00dfenrand geparkt waren. Ulisses stieg als erster ein, Dr. Bianchi und Comiss\u00e1rio Almeida besprachen noch das weitere Vorgehen, dann stiegen auch sie in ihre Fahrzeuge und die Kolonne setzte sich wieder in Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo sa\u00df zusammen mit Tante Dita auf der Bank und erz\u00e4hlte von dem aufregenden Nachmittag in der H\u00f6hle. T\u00f3 war bei Dr. Bianchi eingestiegen. Der hatte ihm angeboten, ihn bis zu seinen Eltern mitzunehmen und T\u00f3 hatte das gerne angenommen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eErst die Leiche von T\u00f3s Ururgro\u00dfvater und jetzt ist es auch noch ein Mord. Und das hier in Cisterno \u2013 unglaublich!\u201c entfuhr es Dita.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber Djilo,\u201c f\u00fcgte sie hastig hinzu, \u201edann m\u00fcsst ihr den Totenschein und auch die Blechdose sofort zur Polizei bringen. Die untersuchen ja jetzt einen Mordfall.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Eltern von T\u00f3 warteten schon gespannt auf die Neuigkeiten, die ihr Sohn sicher zu erz\u00e4hlen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs war wohl tats\u00e4chlich ein Mord,\u201c sagte T\u00f3, \u201eauf jeden Fall hat der Arzt ein Loch im Kopf der Leiche gefunden. Er hat gesagt, es k\u00f6nnte auch ein Sturz gewesen sein. Das ist aber unwahrscheinlich. Wahrscheinlich ist, dass der Mann erschlagen wurde. Auf jeden Fall war noch eine zweite Person beteiligt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e&#8230; die Ricos Leiche zu dieser Stelle gebracht hat \u2026 wahrscheinlich war sie es auch, die Rico erschlagen hat.\u201c Z\u00e9 betrachtete die Angelegenheit von ihrer sachlichen Seite, w\u00e4hrend Carla ziemlich ersch\u00fcttert war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDie Polizei hat ja damals nach Rico gesucht, aber auf die H\u00f6hle sind sie nicht gekommen, wahrscheinlich wussten sie gar nichts von ihr,\u201c sagte Z\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAuf jeden Fall m\u00fcsst ihr die Beweisst\u00fccke gleich morgen zur Polizei bringen. Dann kommt ihr eben mal zu sp\u00e4t zur Schule.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Theorie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>T\u00f3 und Djilo sa\u00dfen in einem tristen Raum in der <em>Esquadra da Pol\u00edcia<\/em> von S\u00e3o Filipe. Der Raum war klein, es gab nur ein schmales Fenster in 2 Meter H\u00f6he und an der Decke brannte eine Neonr\u00f6hre. An vielen Stellen war die ehemals hellblaue Farbe durch Salpeterausbl\u00fchungen von den W\u00e4nden abgeplatzt. In dem Raum stand ein Schleiflacktisch mit abgesto\u00dfenen Ecken, ein Stuhl dahinter und vier St\u00fchle davor. Auf zweien von diesen sa\u00dfen Djilo und T\u00f3. Vor 20 Minuten waren sie auf der Polizeistation erschienen und hatten darum gebeten, mit <em>Comiss\u00e1rio<\/em> Almeida sprechen zu d\u00fcrfen. Jetzt warteten sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach weiteren 15 Minuten betrat der <em>Comiss\u00e1rio<\/em> den Raum.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHallo,\u201c begr\u00fc\u00dfte er die Jungen freundlich. \u201eGibt es Neuigkeiten?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa,\u201c sagte Djilo, \u201ewir haben bei dem Mann in der H\u00f6hle noch Sachen gefunden. Ich habe den Beutel aufgemacht, und das war drin &#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo zog das gefaltete Papier und die Blechdose aus der Hosentasche.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas h\u00e4ttest du eigentlich nicht tun sollen, aber naja \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Comiss\u00e1rio \u00f6ffnete die Dose und die Z\u00fcndholzschachtel, betrachtete den Inhalt und dann entfaltete er vorsichtig das Dokument.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEin Totenschein von 1947\u2026 und beides war also in dem Beutel, den der Tote um den Hals trug?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eund das habt ihr am Samstag gefunden, also bevor wir dort waren?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHabt ihr noch mehr gefunden? Vielleicht in den Taschen?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, den Mann haben wir nicht angefa\u00dft,\u201c sagte Djilo, \u201eund die anderen Sachen haben wir in den Beutel zur\u00fcck getan.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGibt es sonst noch etwas wichtiges, das ihr mir erz\u00e4hlen solltet?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEigentlich nicht \u2026\u201c \u00fcberlegte T\u00f3 \u201e&#8230; mein Vater glaubt, dass dieser Rico sein Ururgro\u00dfvater ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlso dein Urururgro\u00dfvater?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa &#8230; mein Vater hat noch alte Papiere, dieser Rico ist wohl 1948 einfach verschwunden, wurde nie gefunden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBis jetzt\u201c nickte der Comiss\u00e1rio, \u201edanke f\u00fcr eure Mitarbeit.\u201c Er erhob sich.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDann mal los zur Schule.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHabt ihr die Sachen abgegeben?\u201c fragte Z\u00e9 beim Abendessen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, beim Comiss\u00e1rio.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd \u2026 hat er noch was gesagt?\u201c fragte Z\u00e9.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein, er hat nur gefragt, wo wir die Sachen gefunden haben.\u201c antwortete T\u00f3.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch finde, Rico sollte in S\u00e3o Lourenzo beerdigt werden,\u201c sagte Carla unvermittelt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWas?\u201c von diesem Gedankensprung war Z\u00e9 ziemlich \u00fcberrascht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDein Urgro\u00dfvater muss doch beerdigt werden und in S\u00e3o Lourenzo ist der n\u00e4chste Friedhof. Au\u00dferdem hat Eva auf der Beerdigung von Domingo gesagt, dass sie auch in S\u00e3o Lourenzo beerdigt werden m\u00f6chte, wenn es mal soweit ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eva war die Mutter von Z\u00e9 und lebte mit ihrem Mann Felipe direkt an der Strasse nach Cisterno. Sie betrieb mit ihrem Mann eine kleine Landwirtschaft und machte den Eindruck, dass sie mindestens 100 Jahre alt werden w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, aber vorher kommt Rico sicher noch zur Untersuchung ins Krankenhaus nach S\u00e3o Filipe,\u201c meinte Z\u00e9, \u201eimmerhin ist er ja vermutlich ermordet worden.\u201c Und nach einer Weile:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe mir das noch mal \u00fcberlegt \u2026 Rico wurde erschlagen, das ist ziemlich sicher, aber von wem? Und warum? In der Vermisstenanzeige steht, dass ein Eduardo de Ribeiro ihn als letzter gesehen hat und ihm seine Ziegenherde abgekauft hat &#8230; das hat dieser Eduardo gesagt, aber es muss ja nicht stimmen. Es k\u00f6nnte doch sein, dass Eduardo Rico umgebracht hat, um an die Ziegenherde zu kommen. Und dann hat er die Leiche in der H\u00f6hle versteckt, weil er wusste, dass die Leute aus lauter Angst vor Ghon Ghon da nicht reingehen werden, wenn sie nach Rico suchen. Eduardo hat als Beruf \u201ePurgiernusssammler\u201c angegeben. Ich glaube kaum, dass er damit soviel Geld verdient hat, dass er davon eine Ziegenherde kaufen konnte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAber wie soll er den K\u00f6rper diesen steilen Abhang hinauf gekriegt haben?\u201c warf T\u00f3 ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMusste er vielleicht gar nicht. M\u00f6glicherweise waren beide gemeinsam auf Schatzsuche, so wie du und Djilo. Bestimmt kannten sie die Geschichte von den R\u00e4ubern und dem Schatz und deshalb waren sie in der H\u00f6hle. Rico wollte \u00fcber den Felsen klettern und Eduardo hat ihm von hinten den Sch\u00e4del eingeschlagen und dann brauchte er ihn nur noch ein paar Meter in die Felsspalte zu ziehen \u2026 und bei der Polizei hat er erz\u00e4hlt, er h\u00e4tte Rico die Ziegen abgekauft und der w\u00e4re dann weiter gewandert.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, so k\u00f6nnte es gewesen sein,\u201c meinte Carla, \u201eaber genau wird man es wohl nie wissen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eNein,\u201c sagte Z\u00e9, \u201eist nur eine Theorie \u2026\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWei\u00dft du, was mein Vater glaubt, wer Rico ermordet hat!?\u201c T\u00f3 war gerade mit Djilo und Tante Dita aus Zezinhos Hiace ausgestiegen und er wollte die Neuigkeit sofort loswerden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs k\u00f6nnte ein Purgiernusssammler namens Eduardo de Ribeiro gewesen sein.\u201c Und dann berichtete T\u00f3 die ganze Theorie seines Vaters.<\/p>\n\n\n\n<p>Dita stand daneben mit dem Korb auf dem Kopf und war ziemlich bleich geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMeine Mutter hat mal von ihrem Gro\u00dfvater erz\u00e4hlt,\u201c sagte sie. Der ist nach dem gro\u00dfen Krieg in die USA ausgewandert. Da war sie noch gar nicht geboren, aber sie hat seinen Namen gesagt: Eduardo.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Gedanke lie\u00df Dita nicht mehr los: &#8218;Mein Urgro\u00dfvater ein M\u00f6rder?&#8216;<\/p>\n\n\n\n<p>Am n\u00e4chsten Tag gegen Mittag suchte Dita den Sohn von Balta in ihren whatsapp-Kontakten, \u201eJack de Ribeiro,\u201c murmelte sie, \u201e \u2026 jetzt ist es 9:00 in Brockton, Balta ist mit dem Fr\u00fchst\u00fcck fertig, die richtige Zeit f\u00fcr einen Anruf.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHi\u201c sagte eine jugendliche Stimme.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHallo, hier ist Dita von Fogo, bist du das, Jack?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa &#8230; alles gut bei euch?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, alles bestens, Djilo ist noch in der Schule \u2026 h\u00f6r mal Jack, ist Balta in der N\u00e4he?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEr guckt schon wieder fernsehen, aber ich gebe ihm mal das Handy &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>\u2026 Balta, hier ist Dita f\u00fcr dich.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDita?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, ich bin&#8217;s, wie geht\u2019s dir?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDiese Frage solltest du einem alten Mann nie stellen,\u201c sagte Balta \u201e \u2026 altersentsprechend \u2013 Was gibt\u2019s?.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dita musste grinsen. Balta war offenbar noch immer der alte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDein Enkel Djilo hat eine Leiche gefunden, in der H\u00f6hle Ghon Ghon.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201e \u2026 Leiche \u2026 H\u00f6hle Ghon Ghon \u2026 hilf mir mal auf die Spr\u00fcnge.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDiese H\u00f6hle in der Felswand &#8230; von Cisterno nach Achada Fora und dann nach links.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJaa &#8230;\u201c kam es gedehnt von Balta, \u201eich erinnere mich vage, aber da war ich nie \u2026 eine Leiche?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, die liegt da wohl schon seit fast 80 Jahren, aber gut erhalten &#8230; mumifiziert hat der Arzt gesagt. Und der Mann wurde ermordet, erschlagen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann erz\u00e4hlte Dita alles, was in den letzten Tagen passiert war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd Z\u00e9, der Vater von Djilos Freund glaubt, dass der Mann, der Rico erschlagen hat, dieser Purgiernusssammler gewesen sein muss. Er wollte die Ziegenherde haben, hatte aber kein Geld. Und wei\u00dft du, wer das ist!? Dein Gro\u00dfvater Eduardo.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Eine zeitlang blieb es still in Brockton.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMein Vater hat mir von Eduardo erz\u00e4hlt. Alle nannten ihn D\u00fa. Er ist 1949 hierher ausgewandert. Da war ich erst vier Jahre alt und ich kann mich nicht an ihn erinnern. Als ich dann hier angekommen bin, das war 1995, da war er schon lange tot.<\/p>\n\n\n\n<p>Er muss ein komischer Mensch gewesen sein, sehr verschlossen, hat kaum geredet. Eigentlich auch kein Wunder, wenn man immer allein oben in den Bergen ruml\u00e4uft \u2026 ich erinnere mich, dass mein Vater Djo mal gesagt hat, dass D\u00fa im letzten Jahr auf Fogo eine Ziegenherde hatte und alle haben sich gewundert, woher er das Geld hatte, um sie Rico abzukaufen. Und gleichzeitig war Rico verschwunden \u2026 Ger\u00fcchte gab es wohl schon, aber zu der Zeit k\u00e4mpften ja alle ums nackte \u00dcberleben, da war sowas nicht wichtig.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja und dann hat D\u00fa seine Ziegen verkauft und von dem Geld hat er 1949 eine Passage auf der Ernestina gekauft. Ich glaube es war ihre erste Fahrt \u00fcberhaupt von den Kapverden nach Providence. Eine \u00dcberfahrt kostete 12 Escudos damals, wenn man als Deckshand arbeitete und das wird D\u00fa wohl gemacht haben. Stauen der Ladung im Hafen Vale dos Cavaleiros, Decksarbeiten, Segel setzen, schlafen mit L\u00e4usen und Ratten im Frachtraum und zum Schlu\u00df entladen am <em>State pier <\/em>in Providence<em>. <\/em>Diese Fahrt begann im Mai 1949 und hat ungew\u00f6hnlich lange gedauert, \u00fcber zwei Monate, sie sind erst am 8. August angekommen, vielleicht hatten sie Flaute.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eUnd was hat Eduardo in den USA gemacht?\u201c fragte Dita.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSoweit ich geh\u00f6rt habe, war er ein Einzelg\u00e4nger, hatte wenig Kontakt, auch keine Familie &#8230; er hat auf einem Fischtrawler gearbeitet. Seiner Frau Felicitas und unserer ganzen Familie hat er jedes Jahr ein <em>bid<\/em><em>\u00e3o<\/em> geschickt. Das Fass wurde sehns\u00fcchtig erwartet, daran kann ich mich noch gut erinnern, das war jedes mal ein Fest &#8230; und D\u00fa wurde deswegen hoch gesch\u00e4tzt &#8230; meine Gro\u00dfmutter Felicitas muss er sehr geliebt haben. Sie ist 1969 gestorben und D\u00fa dann kurz darauf auch.\u201c Und nach einer langen Pause sagte Balta sehr nachdenklich:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIhr glaubt wirklich, dass D\u00fa einen Menschen erschlagen hat? Das kann ich mir nicht vorstellen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eVielleicht hatte er ja die ganze Zeit ein schlechtes Gewissen und hat versucht, es irgendwie wieder gut zu machen,\u201c sagte Tante Dita, \u201eohne die Ziegen h\u00e4tte er die Passage in die USA niemals bezahlen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Richter Lopes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Richter Lopes hatte den Bericht von <em>Comiss\u00e1rio<\/em> Almeida schon zwei mal gelesen. Konkret und sachlich, es gab nichts auszusetzen \u2026 und was f\u00fcr eine Geschichte. Ein Mord oben in den Bergen \u2013 daran konnte man kaum zweifeln \u2013 und das vor 80 Jahren.<\/p>\n\n\n\n<p>Heute war auch der \u00e4rztliche Bericht gekommen. Wenig Details, aber die konnte man von einer Untersuchung unter diesen Umst\u00e4nden auch nicht erwarten. Unzweifelhaft war die t\u00f6dliche Sch\u00e4delfraktur aufgrund von stumpfer Gewalteinwirkung. Dr. Bianchi bat um Zustimmung zur Verlegung der Leiche ins italienische Krankenhaus, da h\u00e4tte er viel bessere M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf dem Schreibtisch von Richter Lopes lag unter anderem auch die letzte Ausgabe der Wochenzeitschrift \u201eExpresso das Ilhas\u201c. In dicken Lettern auf der Titelseite: \u201eHungermord auf Fogo\u201c von Ulisses Pereira. Und darunter etwas kleiner \u201eMumienfund in der H\u00f6hle Ghon Ghon\u201c. Richter Lopes hatte den Artikel bereits gelesen und nur mit dem Kopf gesch\u00fcttelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er kramte in seinem Ged\u00e4chtnis: auf Teneriffa hatte es schon vor Jahrtausenden Bestattungen in H\u00f6hlen gegeben, viele dieser Mumien waren in den letzten Jahrhunderten gefunden und geborgen worden und die meisten wurden auf dem Transport zerst\u00f6rt oder schwer besch\u00e4digt. Er w\u00fchlte sich durch die einschl\u00e4gigen Internetseiten zu diesem Thema.<\/p>\n\n\n\n<p>Technisch w\u00e4re eine erfolgreiche Bergung vermutlich m\u00f6glich. Man br\u00e4uchte einen hermetisch abschlie\u00dfbaren Beh\u00e4lter, der Boden m\u00fcsste unter den K\u00f6rper geschoben werden und dann m\u00fcsste die Mumie luftdicht unter einem Deckel eingeschlossen werden, um das Mikroklima zu erhalten, Temperatur, Luftdruck, Luftfeuchtigkeit. Der Beh\u00e4lter m\u00fcsste dann unter Vermeidung von Ersch\u00fctterungen und mit gr\u00f6\u00dfter Vorsicht zum H\u00f6hleneingang gebracht und von dort mit einem Helikopter ins Krankenhaus transportiert werden. Dort m\u00fcsste aber vorher ein ebenfalls hermetisch abgeschlossener Raum mit einer Sicherheitsschleuse geschaffen werden, in dem das Klima, das in der H\u00f6hle herrschte, nachgebildet werden k\u00f6nnte. Dann k\u00f6nnte der Beh\u00e4lter dort f\u00fcr weitere Untersuchungen ge\u00f6ffnet werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Ob Dr. Bianchi eigentlich klar war, welcher Aufwand erforderlich w\u00e4re? Nat\u00fcrlich konnte man die Bergung auch weniger aufw\u00e4ndig durchf\u00fchren, aber wenn die Leiche dabei besch\u00e4digt w\u00fcrde, s\u00e4\u00dfe man in der Bredouille.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus kriminalistischer Sicht bezweifelte Richter Lopes, dass eine Bergung der Mumie und eine eingehende Untersuchung noch wichtige zus\u00e4tzliche Erkenntnisse liefern w\u00fcrde, die zu einer Identifizierung des mutma\u00dflichen T\u00e4ters f\u00fchren k\u00f6nnten. Und die Identit\u00e4t der Leiche war ja gekl\u00e4rt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann fiel Richter Lopes ein, dass <em>Comiss\u00e1rio<\/em> Almeida eine Suchaktion erw\u00e4hnt hatte, die die Polizei damals durchgef\u00fchrt hatte, nachdem man Rico Mendes schon Monate nicht mehr gesehen hatte. Er rief seine Sekret\u00e4rin:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSchauen Sie doch mal im Archiv nach, ob wir noch Protokolle von 1948 und 1949 haben.\u201c Das Archiv war in den 90er Jahren umgezogen und dabei war einiges verloren gegangen, aber vielleicht gab es ja doch noch etwas.<\/p>\n\n\n\n<p>Und er hatte tats\u00e4chlich Gl\u00fcck. Nach 20 Minuten brachte seine Sekret\u00e4rin zwei Aktenordner: \u201eEinsatzprotokolle 1948\u201c und \u201eEinsatzprotokolle 1949\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Richter Lopes bl\u00e4tterte durch die Seiten, viele waren handgeschrieben. Das meiste waren Lebensmitteldiebst\u00e4hle, \u00dcberf\u00e4lle, Betrug, Vergewaltigung, Randalieren, K\u00f6rperverletzung usw.<\/p>\n\n\n\n<p>Im zweiten Ordner fand er, was er suchte, eine Vermi\u00dftenanzeige vom 14. Januar 1949 aufgegeben von Margarida Neves Mendes, Ehefrau des Ricardo Xavier Mendes.<\/p>\n\n\n\n<p>Vermi\u00dft wird Ricardo Xavier Mendes, freier Ziegenhirte, zuletzt gesehen von Margarida Neves Mendes Ende November 1948 am Morgen des \u2026 genaues Datum unbekannt, und zuletzt gesehen von Eduardo de Ribeiro Anfang Dezember 1948 am Mittag des \u2026 genaues Datum unbekannt. Eduardo de Ribeiro gibt an, 15 Ziegen von der vermissten Person erworben zu haben. Der Kauf fand ca. 1500 Meter unterhalb von Achada Fora statt, der Vermisste setzte seinen Weg dann laut Eduardo de Ribeiro mit den restlichen Ziegen in Richtung Bordeira fort.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Suche fand am 17. Januar 1949 im Bereich zwischen Cisterno und Achada Fora statt. Insgesamt 7 in dieser Region lebende Personen wurden zum Verbleib des Ricardo Xavier Mendes befragt. Niemand hatte ihn gesehen oder konnte sonstige sachdienliche Hinweise zum Aufenthaltsort von Ricardo Xavier Mendes machen. An der Suche waren 5 Polizisten und einige Privatpersonen beteiligt. Sie wurde bei Einbruch der Dunkelheit erfolglos abgebrochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Margarida Neves Mendes beantragte 1958, Ricardo Xavier Mendes f\u00fcr tot erkl\u00e4ren zu lassen. Dem Antrag wurde stattgegeben. Margarida Neves Mendes heiratete daraufhin erneut.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:55% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"535\" src=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Mumie-2-1024x535.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2558 size-full\" srcset=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Mumie-2-1024x535.png 1024w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Mumie-2-300x157.png 300w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Mumie-2-768x401.png 768w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Mumie-2.png 1409w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Richter Lopes blickte an die Zimmerdecke. &#8218;Der Fall war 80 Jahre alt, alle m\u00f6glichen Zeugen und auch der T\u00e4ter waren gestorben, heute ginge es nur noch um H\u00f6rensagen, also eine bessere M\u00e4rchenstunde. Die Aussicht, da noch weiter zu kommen, war gleich Null.&#8216;<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eRufen Sie mal Furtado an,\u201c bat er seine Sekret\u00e4rin.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vereador<\/em> Furtado war Stadtrat f\u00fcr Kultur, Familie, Jugend und Sport. Beide kannten sich schon ewig.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eOi, Joaquim, alles gut bei dir? \u2026 Ja, ja, alles bestens &#8230; Sag mal, hast du schon von der Leiche oben bei Achada Fora geh\u00f6rt? \u2026 Ja, OK, \u2026 ja, ziemlich sicher ein Mord, \u2026 vor 80 Jahren \u2026 also von meiner Seite aus gibt es keine Notwendigkeit, den Fall noch mal neu aufzurollen, kommt sowieso nichts bei raus. Aber ich habe da eine Idee &#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dann entwickelte Richter Lopes seine Vorstellung vom weiteren Vorgehen: die Mumie w\u00fcrde <em>in situ <\/em>belassen, also \u00fcberhaupt nicht bewegt. Damit w\u00e4ren alle Transport- und Konservierungsprobleme gel\u00f6st. Und auch die Frage der Finanzierung der Bergung stellte sich dann gar nicht. Die Leiche hatte 80 Jahre dort \u00fcberdauert und w\u00fcrde es sicher auch weiterhin. Wenn die Wissenschaft noch mehr Untersuchungsbedarf haben sollte, m\u00fcsste in diesem Fall mal der Hund zum Knochen kommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zugang zur H\u00f6hle sollte sofort mit einem Band und per richterlicher Verf\u00fcgung gesperrt werden. Zeitnah sollte dann ein Gitter mit einem abschlie\u00dfbaren Tor den H\u00f6hleneingang absichern. Es l\u00e4ge dann im Ermessen der Stadtverwaltung, einzelnen Personen oder Personengruppen Zutritt zu gew\u00e4hren. Nat\u00fcrlich m\u00fcsste dabei das Recht auf Totenruhe und die W\u00fcrde des Verstorbenen ber\u00fccksichtigt werden und der Anblick einer Leiche sei ja auch nicht jedermanns Sache \u2026<\/p>\n\n\n\n<p><em>Vereador<\/em> Furtado war sofort einverstanden. Eine unsch\u00e4tzbare Bereicherung der kulturellen Vielfalt der Insel Fogo! Die Existenz einer Mumie in ihrem nat\u00fcrlichen Umfeld w\u00fcrde weit \u00fcber die Landesgrenzen hinaus Schlagzeilen machen. Experten aus aller Welt w\u00fcrden Rico Xavier Mendes ihre Aufwartung machen. Und eine Mumie in ihrer nat\u00fcrlichen Umgebung war viel eindrucksvoller, als in einem Glaskasten des <em>Museu Etnogr\u00e1fico da Praia.<\/em> Vielleicht sollte man auch Touristen zulassen, aber das war ein heikles Thema &#8230; Gott sei Dank war der Weg zur H\u00f6hle Ghon Ghon sehr beschwerlich \u2026 andererseits \u2026 jedes Jahr bestiegen Tausende den <em>Pico do Fogo <\/em>und das war ja noch anstrengender \u2026 es gab viel zu bedenken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Epilog<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Djilo fischte ein Holzst\u00fcck aus seiner Hosentasche, an dem ein Sicherheitsschl\u00fcssel baumelte. Damit entriegelte er die Gittert\u00fcr, mit der der H\u00f6hleneingang verschlossen war.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSo, es kann los gehen,\u201c sagte er an die Lehrerin und den Lehrer gewandt, die hinter ihm standen. Die blickten auf ihre Klasse. Es war die <em>decima segunda, <\/em>die Abschlussklasse der <em>escola secund\u00e1ria<\/em> von S\u00e3o Filipe. Mit zwei Bussen waren sie bis zu dem Platz gefahren, wo vor ziemlich genau zwei Jahren auch <em>Comiss\u00e1rio<\/em> Almeida und Dr. Bianchi geparkt hatten. Djilo hatte die Sch\u00fcler dort bereits erwartet, sich kurz vorgestellt und dann hatte er die Gruppe \u00fcber die Ziegenpfade zur H\u00f6hle Ghon Ghon gef\u00fchrt. Nach dem Anstieg \u00fcber den sandigen Abhang hatten sich alle vor dem vergitterten Eingang versammelt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWir machen es also wie besprochen,\u201c sagte der Lehrer. \u201eDrei Gruppen \u00e1 9 Sch\u00fcler, eine Gruppe geht mit einem Lehrer und Djilo in die H\u00f6hle, die anderen warten hier. Wir haben f\u00fcnf Taschenlampen, wer eine Taschenlampe hat, muss so leuchten, dass auch die ohne Lampe gen\u00fcgend sehen k\u00f6nnen. Handys d\u00fcrfen nicht mit in die H\u00f6hle genommen werden, die m\u00fcssen hier abgegeben werden.\u201c<br><br>Die letzte Bemerkung l\u00f6ste ein unwilliges Murren aus. Aber das Handyverbot war eine der Regeln, die die Stadtverwaltung f\u00fcr den Besuch der H\u00f6hle festgelegt hatte. Dazu geh\u00f6rten auch: maximale Gruppengr\u00f6\u00dfe von 10 Personen, Mindestalter 16 Jahre und bei Minderj\u00e4hrigen eine schriftliche Einverst\u00e4ndniserkl\u00e4rung der Eltern. Au\u00dferdem war das Ber\u00fchren der Mumie strengstens verboten und es war ein Mindestabstand von einem Meter einzuhalten. Eine p\u00e4dagogische Vor- und Nachbereitung bei einem durch eine Schule organisierten Besuch war obligatorisch, um sensiblen Sch\u00fclern eine begleitete Verarbeitung ihrer Eindr\u00fccke zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo ging voran, es folgten die neun Sch\u00fcler in aufgeregter Erwartung und den Schluss machte die Lehrerin. Vor dem gro\u00dfen Felsen hielt Djilo einen kurzen Vortrag \u00fcber die Entstehung der H\u00f6hle, die Hungersnot in den 40er Jahren des letzten Jahrhunderts und die t\u00e4glichen K\u00e4mpfe ums \u00dcberleben, die wahrscheinlich auch den Hintergrund dieses Mordes bildeten. Vermutlich wurde dieser Ziegenhirte von jemandem erschlagen, der seine Herde \u00fcbernehmen wollte, um die Existenz seiner Familie zu sichern. Er erw\u00e4hnte auch das M\u00e4rchen von den R\u00e4ubern und ihrem Schatz, das ihn und seinen Freund T\u00f3 vor zwei Jahren zur Erkundung der H\u00f6hle bewegt und zur Entdeckung der Mumie gef\u00fchrt hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Identit\u00e4t eines m\u00f6glichen T\u00e4ters sagte Djilo nichts. Auch den f\u00fcrchterlichen <em>Ghon Ghon<\/em> und die Vulkanhexen erw\u00e4hnte er nicht. Im Vorbereitungsgespr\u00e4ch hatte Stadtrat Furtado ihn gebeten, den Besuchern nicht unn\u00f6tig Angst einzufl\u00f6\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann traten die Sch\u00fcler der Reihe nach vor den Spalt und leuchteten hinein. Manche kicherten verlegen oder machten eine \u201ecoole\u201c Bemerkung, aber die meisten sagten kein Wort und waren sichtlich betroffen. Der R\u00fcckweg verlief dann auch deutlich schweigsamer als der Hinweg.<\/p>\n\n\n\n<p>Djilo traf T\u00f3 nur noch selten. T\u00f3 hatte ein Studium des Hotel- und Tourismusmanagements in Mindelo auf der Insel S\u00e3o Vicente begonnen und kam nur noch in den Ferien nach Hause. Djilo dagegen wusste noch nicht so recht, was er machen sollte. Zum Studieren fehlte ihm das Geld und so arbeitete er mal hier und mal dort. Der Job als Mumienf\u00fchrer bei der Stadtverwaltung kam ihm sehr gelegen. Und als Entdecker der Mumie war er nat\u00fcrlich erste Wahl gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach dem Fu\u00dfball \u201eWie w\u00e4r&#8217;s, wenn du den Ball auch mal abgibst? 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