{"id":216,"date":"2012-11-18T15:52:28","date_gmt":"2012-11-18T14:52:28","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/?page_id=216"},"modified":"2026-04-15T17:10:48","modified_gmt":"2026-04-15T16:10:48","slug":"216-2","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/?page_id=216","title":{"rendered":"Elastisch durch Raum und Zeit"},"content":{"rendered":"\n<p>Es gab das Ger\u00fccht, dass der allseits sehr beliebte Musiker Michel Montrond im Clube Tropical spielen sollte. Also fanden Galileu und ich uns dort auch so gegen 22.00 Uhr ein, tranken ein \u201cSuper\u201d und harrten der Dinge. (Es gibt \u00fcbrigens eine Gegend auf Fogo, da hei\u00dfen fast alle mit Nachnamen Montrond und sind stolz darauf, denn sie gehen auf einen franz\u00f6sischen Vorfahren zur\u00fcck, der enorm reproduktiv war und auch alle Frauen zusammen mit den Kindern&nbsp; versorgt hat, was ihm hoch angerechnet wird.)<\/p>\n\n\n\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Michel Montrond e Mois\u00e9ssinho\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/ucSlp-Tvl00\" width=\"550\" height=\"320\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n\n\n\n<p>Michel erschien kurz, gr\u00fc\u00dfte freundlich in die Runde, war dann aber wieder weg. Galileu ahnte wohl schon was und meinte, wir k\u00f6nnten ja noch mal zu Dona Bia gehen. Dona Bia ist eine kleine zierliche Frau, hat eine ziemlich heruntergekommene Kneipe und wenn sie lacht, blickt man in das Gesicht einer koketten 17j\u00e4hrigen. Dabei ist sie 82 mit schlohwei\u00dfen Pippi-L\u00e5ngstrump-Z\u00f6pfen. Au\u00dferdem sitzt sie auf einem gro\u00dfen Posten Heineken, den sie zu teuer eingekauft hat. 150 escudos will sie f\u00fcr die Flasche, keiner bezahlt das und folglich trinkt sie es eben alleine.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"popmake-1950\">Galileu und ich nahmen wieder ein \u201cSuper\u201d f\u00fcr 100 escudos und Dona Bia erz\u00e4hlte von Angola, ihrem Heimatland und <strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-blue-color\">Luanda, der sch\u00f6nsten Stadt der Welt<\/mark><\/strong>. 1975 hat ihre wohlhabende Famile in den Kriegswirren das Land fluchtartig verlassen m\u00fcssen und alles Hab und Gut zur\u00fcckgelassen. Ihr Vater h\u00e4tte damals \u2013 wie viele andere auch \u2013 Diamanten au\u00dfer Landes bringen k\u00f6nnen. Nur, wer dabei erwischt worden ist, wurde auf der Stelle erschossen. Er hat es nicht gemacht und so ist die Familie bettelarm aber lebend auf den Kapverden angekommen. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"popmake-1956\">Und Tochter Bia trinkt jetzt halt Heineken in ihrer schmuddeligen Kneipe und auch wir nahmen noch ein \u201cSuper\u201d. Dann gingen wir wieder zur\u00fcck ins <strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-blue-color\">Tropical<\/mark><\/strong>, blieben dem \u201cSuper\u201d treu und warteten auf Michel.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"popmake-1963\">D.h. eigentlich wartete nur ich. Afrikaner warten nicht, sondern ergeben sich dem <strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-blue-color\">M\u00fc\u00dfiggang<\/mark><\/strong>, was ein gro\u00dfer Unterschied ist. Warten ist irgendwie zielgerichtet, M\u00fc\u00dfiggang dagegen entspanntes Sein. Das ist sozusagen die m\u00e4nnliche Grundstellung auf den Kapverden, die die Herren ungern und nur der Not gehorchend verlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich begannen dann auch zwei Musiker zu spielen, aber eben nicht Michel. Sp\u00e4ter erfuhren wir, dass Michel an diesem Abend in Pipi\u2019s Bar h\u00e4ngen geblieben war, wo er auf die eindringliche Bitte zweier Frauen hin dann auch Musik gemacht hat. Aber immerhin hatte er f\u00fcr Ersatz gesorgt und so schlecht waren die beiden ja nicht. Also nahmen wir noch ein \u201cSuper\u201d und lauschten \u201cCor di rosa\u201d, was Michel aber bestimmt besser gesungen h\u00e4tte. Aber wie die meisten Kapverder bewegt auch er sich halt ganz elastisch durch Raum und Zeit.<\/p>\n\n\n\n<p><span style=\"color: #333333;\"><span style=\"font-family: Georgia, Bitstream Charter, serif;\"><span style=\"font-size: medium;\">Anfangs fand ich diese Einstellung zu Absprachen ziemlich irritierend, besonders als ich die Bauleitung f\u00fcr mein Haus in S<span lang=\"pt-PT\">\u00e3o Filipe machte. Einige Handwerker kamen und gingen mehr oder weniger wann es ihnen passte. Das wurde auch nicht erkl\u00e4rt, sondern schien selbstverst\u00e4ndlich. Nat\u00fcrlich f<\/span><span lang=\"de-DE\">\u00fchrte das auch zu einigen Verwicklungen \u2013 wie soll man Wasserleitungen in einer Wand verlegen, die noch gar nicht existiert, weil der Maurer mal eine Woche Pause macht. Aber irgendwie bekamen sie es immer hin und nach einiger Zeit fiel mir auf, dass es am besten funktionierte, wenn ich mich raushielt. Ich glaube, meine kapverdischen Mitarbeiter waren mindestens genauso irritiert von meiner Manie, alles organisieren zu wollen wie ich von ihrem easy living.<\/span><\/span><\/span><\/span><\/p>\n\n\n\n<p>Und insgeheim bewunderte ich die Leute auch f\u00fcr diese Einstellung. Sie lie\u00dfen sich im Strom des Lebens treiben, reagierten flexibel auf Widerst\u00e4nde und versuchten gar nicht erst, dem entgegenzuarbeiten oder eine eigene Richtung zu verfolgen &#8211; wie es kommt, ist es gut. Und ich m\u00fchte mich damit ab, meinen eigenen Willen dem Lauf der Dinge entgegenzusetzen. Damit waren \u00c4rger und schlechte Laune vorprogrammiert &#8211; jedenfalls manchmal. Aber ich war nun mal ein typischer Europ\u00e4er und niemand kann aus seiner Haut.<\/p>\n\n\n\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Funana - Mi Nca Burro Nau\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/eiS9RUJaJHg\" width=\"550\" height=\"360\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/p>\n\n\n\n<p>Wir sa\u00dfen also noch im Tropical, aber dann sagten Freunde von Galileu, in der Bar Simples, die manchmal auch Bar Marcelina hei\u00dft, w\u00e4re heute vielleicht noch eine \u201cshow\u201d. Die Bar liegt auf dem Heimweg, also schauten wir mal rein. <\/p>\n\n\n\n<p>Cabozouk und Funan\u00e1 dr\u00f6hnten aus ziemlich imposanten Lautsprechern und tats\u00e4chlich \u2013 die Attraktion waren zwei spitzenm\u00e4\u00dfig gestylte M\u00e4dels mit einem H\u00fcftschwung, dass die Brille beschl\u00e4gt. <\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:55% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"970\" height=\"750\" src=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Elastisch-durch-Raum-und-Zeit.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2564 size-full\" srcset=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Elastisch-durch-Raum-und-Zeit.png 970w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Elastisch-durch-Raum-und-Zeit-300x232.png 300w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Elastisch-durch-Raum-und-Zeit-768x594.png 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 970px) 100vw, 970px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Cabozouk und Funan\u00e1 dr\u00f6hnten aus ziemlich imposanten Lautsprechern und tats\u00e4chlich \u2013 die Attraktion waren zwei spitzenm\u00e4\u00dfig gestylte M\u00e4dels mit einem H\u00fcftschwung, dass die Brille beschl\u00e4gt. Ich bestellte zwei \u201cSuper\u201d und dann wurden wir Zeugen erotischer Animationen, die jeder Hamburger table-T\u00e4nzerin zur Ehre gereicht h\u00e4tten. <\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>M\u00e4nner wurden aus dem Publikum nach vorne geholt und durften dort unter dem Gejohle der Menge eine Minute lang ihre Funan\u00e1k\u00fcnste gemeinsam mit den M\u00e4dels unter Beweis stellen. Ich selbst hatte hinter einer S\u00e4ule Deckung gesucht und war so dieser Erfahrung entgangen. Ausserdem war ich eigentlich auch schon hundem\u00fcde, aber dann kam Galileu mit zwei \u201cSuper\u201d und so war der Abend dann doch noch nicht vorbei\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die kapverdische Verwaltung kann elastisch. Sie wurde 1975, nachdem das Land in die Unabh\u00e4ngigkeit geraten war, von den Portugiesen, die f\u00fcr ihre ausgefeilten Verwaltungsvorg\u00e4nge ber\u00fchmt waren, an die Kapverder \u00fcbergeben. Diese Prozesse eins zu eins zu \u00fcbernehmen war eine b\u00fcrokratische Herkulesaufgabe, die das Verm\u00f6gen der neuen Beamten in vielen F\u00e4llen \u00fcberstieg. Ihre Fantasie war schlichtweg nicht ausreichend, um sich in die Komplexit\u00e4t der portugiesischen Verwaltungsabl\u00e4ufe einzuarbeiten. Diese haben eine innere Logik, die manchmal sehr verschlungenen Pfaden folgt und nicht immer deutlich zu erkennen ist. Man kann diese Abl\u00e4ufe aber auch durchaus kreativ gestalten und sich von dem eigenen Empfinden oder seinen Eingebungen leiten lassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Verl\u00e4ngerung meiner Daueraufenthaltsgenehmigung zum Beispiel zog sich \u00fcber Jahre hin. Eine Zeitlang war der Vorgang nicht mehr auffindbar, dann tauchte er in einem anderen Amt wieder auf. Dort herrschten dann aber andere Spielregeln, neue Dokumente waren erforderlich und andere, die ich schon eingereicht hatte, fehlten pl\u00f6tzlich. Gott sei Dank konnte ich mit einer Quittung nachweisen, dass ich sie schon abgegeben hatte, woraufhin der B\u00fcrovorsteher entschied, dass man auch auf sie verzichten k\u00f6nnte. So ging es hin und her und als ich schon dachte, nun endg\u00fcltig im b\u00fcrokratischen Sumpf unterzugehen, wurde ich eines Tages in das B\u00fcro des Verwaltungschefs gebeten, der mir mit strahlender Miene und v\u00f6llig \u00fcberraschend meine neue Daueraufenthaltsgenehmigung aush\u00e4ndigte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcberhaupt sind Kreativit\u00e4t und Improvisationstalent das Fundament der Wirtschaft und eines funktionierenden Gemeinwesens. Dazu noch ein paar Beispiele:<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einer Zeit, als ich es noch nicht besser wusste, stand ich bei meinem lokalen Baustoffh\u00e4ndler und wollte Muffen zur Verbindung von PVC-Rohren kaufen. Aber wie ich es auch anstellte, man verstand mich nicht. Das Wort, das ich mir extra aus dem W\u00f6rterbuch rausgesucht hatte, schien unbekannt zu sein. Und als ich meinem Klempner sagte, ich h\u00e4tte leider keine Muffen bekommen, schaute auch der mich verst\u00e4ndnislos an. Sp\u00e4ter guckte ich dann mindestens ebenso verst\u00e4ndnislos, als ich sah, dass er bei 28\u00b0 C mit leeren Zements\u00e4cken ein Feuer machte. Dann nahm er ein Rohrst\u00fcck, machte das eine Ende \u00fcber dem Feuer heiss und als das PVC weich wurde, schob er ein anderes Rohrst\u00fcck hinein &#8230;. so geht das also.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Plastikd\u00fcbel hat vor einiger Zeit im Baustoffhandel von S\u00e3o Filipe Einzug gehalten, aber noch heute schw\u00f6ren die Profis auf den bew\u00e4hrten Holzd\u00fcbel. Man bohrt ein 10-Millimeter Loch in die Wand, schl\u00e4gt ein angespitztes rundes Holzst\u00fcck von ca. 15 mm Durchmesser hinein und befestigt darin nach Belieben Schrauben, N\u00e4gel oder Haken.&nbsp; Gerade in W\u00e4nden, bei deren Errichtung an Zement gespart wurde, ist die Haltekraft des gemeinen Holzd\u00fcbels der von Plastikd\u00fcbeln weit \u00fcberlegen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Und dann tropfte immer der Hahn \u00fcber dem Plastikfass, aus dem sich der Maurer das Wasser f\u00fcr den M\u00f6rtel holte. Nachdem ich den Hahn mehrfach zugedreht hatte, wurde ich gebeten, das zu unterlassen, weil das Ganze h\u00e4tte einen tieferen Sinn: die Wasseruhr ist ein mechanisches Ger\u00e4t, das erst anspringt, wenn ein bestimmter minimaler Durchfluss erreicht wird. Ein leicht tropfender Wasserhahn bleibt unter diesem Grenzwert und das Wasser ist gratis.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor einigen Jahren wurden im Rahmen der Entwicklungshilfe eine gr\u00f6\u00dfere Menge Plastikm\u00fclltonnen von Deutschland nach S\u00e3o Filipe gebracht und in den Strassen aufgestellt. Sie waren in k\u00fcrzester Zeit aus dem Strassenbild verschwunden und standen in den Innenh\u00f6fen unter einem leise vor sich hin tropfenden Wasserhahn. Die restlichen Tonnen wurden daraufhin von der Stadtreinigung am Boden durchbohrt, um sie f\u00fcr diesen Verwendungszweck unbrauchbar zu machen. So zieren sie noch heute manche Strassenecke.<\/p>\n\n\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab das Ger\u00fccht, dass der allseits sehr beliebte Musiker Michel Montrond im Clube Tropical spielen sollte. Also fanden Galileu und ich uns dort auch so gegen 22.00 Uhr ein, tranken ein \u201cSuper\u201d und harrten der Dinge. (Es gibt \u00fcbrigens &hellip; <a href=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/?page_id=216\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":195,"menu_order":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","template":"onecolumn-page.php","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-216","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/216","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=216"}],"version-history":[{"count":48,"href":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/216\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2565,"href":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/216\/revisions\/2565"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/195"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=216"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}