{"id":1568,"date":"2024-06-27T16:51:02","date_gmt":"2024-06-27T15:51:02","guid":{"rendered":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/?page_id=1568"},"modified":"2026-04-15T16:58:27","modified_gmt":"2026-04-15T15:58:27","slug":"die-hexe-von-ribeira-fora","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/?page_id=1568","title":{"rendered":"Die Hexe von Ribeira Fora"},"content":{"rendered":"\n<h5 class=\"wp-block-heading has-text-align-right\"><em>Figa Kanhota<\/em><\/h5>\n\n\n\n<h5 class=\"wp-block-heading has-text-align-right\"><em>Volksmund<\/em><\/h5>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:49% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"720\" height=\"512\" src=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/pico4-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1912 size-full\" srcset=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/pico4-2.jpg 720w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/pico4-2-300x213.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Immer wieder wanderte Luisas Blick zu der kleinen, senkrechten Wolke \u00fcber dem Kraterrand. Eigentlich sah sie harmlos aus, aber sie erinnerte Luisa an den letzten Vulkanausbruch in der Ch\u00e3 das Caldeiras. Das war jetzt schon 44 Jahre her. Sie war damals 9 Jahre alt gewesen.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Ihre Familie hatte den Krater \u00fcberst\u00fcrzt verlassen m\u00fcssen und fast ihr ganzes Hab und Gut verloren. Nur das, was ihre Eltern, die beiden Schwestern und sie auf dem R\u00fccken tragen konnten, hatten sie retten k\u00f6nnen. In Cabe\u00e7a do Rei, in der N\u00e4he ihrer Tante Maria, hatten sie dann schlie\u00dflich ein neues Zuhause gefunden.<br>Luisa war auf dem R\u00fcckweg von Alexo Brand\u00e3o. Dort hatte sie bei Ramiro ein paar<br>Sachen gekauft, die sie jetzt in einem kleinen B\u00fcndel auf dem Kopf nach Hause trug.<br>Und gerade eben hatte sie wieder das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde der Boden unter ihren<br>F\u00fc\u00dfen vibrieren. Aber mit diesen Flip Flops, die sie seit einiger Zeit trug, war das nicht mehr so leicht zu sagen.<br>Hoffentlich war mit Valdira alles in Ordnung. Luisa hatte ihre 4-j\u00e4hrige Enkelin vor drei Stunden allein zu Hause gelassen, weil sie ihr diesen anstrengenden Gang nicht zumuten wollte. Bestimmt spielte sie gerade im Schatten hinter dem Haus und Nachbarin Rita w\u00fcrde sicher ein wachsames Auge auf sie haben.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Valdira beobachtete gebannt den Schatten der Hausecke. Er kroch unglaublich langsam auf einen Strich im Sand zu. Manchmal dachte sie, dass er sich gar nicht bewegen w\u00fcrde, aber doch, der Abstand wurde kleiner. Vovo Luisa hatte den Strich in den Sand geritzt. \u201cWenn der Schatten beim Strich angekommen ist, kannst du das Tuch von der Schale nehmen, vorher nicht\u201d, hatte Vov\u00f3 gesagt. Gleich musste es soweit sein. Auf dem wackeligen Holztisch in ihrer H\u00fctte stand eine Porzellanschale, daneben ein L\u00f6ffel. Die Schale war mit einem karierten Tuch abgedeckt, aber Valdira wusste, was darin war: Maiskl\u00f6\u00dfchen mit Ziegenmilch.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt! Sie lief ins Haus, setzte sich an den Tisch und begann zu l\u00f6ffeln. In diesem Moment erschien ein krummer, schwarzer Schatten in der T\u00fcr. \u201cNa, meine Kleine, so flei\u00dfig beim Essen? Was gibt es denn Sch\u00f6nes?\u201d Valdira blickte \u00e4ngstlich auf die Gestalt und sagte kein Wort. Sie hatte die Frau schon mal gesehen. Es war Elvira. Sie lebte allein weiter oben in den Bergen und wenn die Nachbarn \u00fcber sie sprachen, fingen sie immer an zu fl\u00fcstern. \u201cKannst du mir nicht was abgeben? Ich habe auch Hunger.\u201d <\/p>\n\n\n\n<p>Valdira umklammerte ihre Schale. Elvira kam langsam n\u00e4her. \u201cNun sei nicht so, ich bin doch deine Nachbarin.\u201d Valdira sagte noch immer nichts. Elvira trat noch einen Schritt n\u00e4her und st\u00fctzte sich auf den Tisch. \u201cNur ein bisschen &#8211; f\u00fcr eine arme, alte Frau.\u201d Jetzt streckte sie ihre knochige Hand aus. Eine Woge von Panik \u00fcberrollte Valdira. \u201c Nein!\u201d kreischte sie und beugte ihren ganzen Oberk\u00f6rper \u00fcber die Schale. \u201cGeh weg!\u201d<br>Elvira wich einen Schritt zur\u00fcck. \u201cUndankbares Balg&#8220;, murmelte sie und ein paar Worte in einer fremden Sprache. <\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Moment erschien noch eine Person in der T\u00fcr. Es war Rita. Elvira zw\u00e4ngte sich an ihr vorbei, den Blick gesenkt und redete weiter in dieser seltsamen Sprache. Dann ging sie mit weit ausholenden Schritten den Berg hinauf.<br>Rita setzte sich neben Valdira und legte ihr einen Arm um die Schultern. \u201cAlles ist gut, sie ist ja weg.\u201d Valdira l\u00f6ste sich aus ihrer Erstarrung und fing an zu weinen. <\/p>\n\n\n\n<p>Gleich ist es geschafft! Luisa stapfte die letzten Meter zu ihrem Haus hinauf. Die Haust\u00fcr stand offen. Drinnen sa\u00dfen Valdira und Rita am Tisch, Valdira rieb sich die Augen und vor ihnen stand die Schale mit den Maiskl\u00f6\u00dfen. \u201cDu hast ja gar nichts gegessen, was ist denn los?\u201d<br>\u201cElvira war hier, die alte Hexe von oben&#8220;, sagte Rita. Und dann erz\u00e4hlte Valdira unter<br>Tr\u00e4nen, was passiert war.<br>\u201cIrgendwie muss sie mitgekriegt haben, dass Valdira alleine war. Aber jetzt ist ja alles gut,\u201d sagte Luisa und an Valdira gewandt &#8222;Willst du schon mal ins Bett gehen, Val?\u201d &#8222;Ja&#8220;, schluchzte Valdira.<\/p>\n\n\n\n<p>Mitten in der Nacht wachte Luisa auf. Valdira r\u00fcttelte an ihrer Schulter. \u201cVov\u00f3, mir ist<br>schlecht.\u201d Luisa setzte sich auf. \u201cIch mache dir mal einen Pfefferminztee, das hilft immer.\u201d Sie ging zur Feuerstelle und zum Gl\u00fcck war noch Glut unter der Asche. Sie legte ein paar H\u00f6lzer nach und kurz darauf summte das Wasser im Teekessel. Die Pfefferminze hing neben vielen anderen Kr\u00e4utern in kleinen B\u00fcndeln am Deckenbalken. Luisa zupfte ein paar Bl\u00e4tter ab und warf sie in das siedende Wasser.<br>F\u00fcnf Minuten sp\u00e4ter brachte sie ihrer Enkelin einen Becher mit dem dampfenden Tee ans Bett. Valdira lag zusammengekr\u00fcmmt unter der Decke und zitterte. \u201cMein Bauch, es tut so weh.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cNun trink mal den Tee, dann wird es besser. Aber pass auf, er ist noch sehr hei\u00df.\u201d<br>Doch auch bei Sonnenaufgang ging es Valdira nicht gut. Ihre Stirn war hei\u00df, die<br>Bauchschmerzen hielten trotz des Tees weiter an und sie hatte sich schon zweimal<br>erbrochen. Luisa hatte ihr vorsichtig den Bauch massiert, aber auch das nutzte nichts. Luisa wusste nicht mehr ein noch aus. Sie lief zu Rita r\u00fcber, um sie um Hilfe zu bitten und dann sa\u00dfen beide am Bett von Valdira und schauten sich ratlos an.<br>Schlie\u00dflich sagte Rita: &#8222;Elvira hat das angerichtet, also muss sie es auch wieder aus der<br>Welt schaffen.\u201d<\/p>\n\n\n\n<p><br>Luisa band sich ihr gr\u00fcnes H\u00fcfttuch um und Rita half ihr, Valdira darin zu verstauen. Diese wimmerte leise vor sich hin, zum Laufen war sie schon zu schwach. Und so machte sich Luisa mit ihrer Enkelin auf den Weg nach oben zur H\u00fctte von Elvira.<br>Luisa f\u00fcrchtete sich vor der Begegnung mit Elvira. Was sollte sie ihr sagen? Elvira hatte ja eigentlich nichts gemacht, nur um Essen gebeten. Was, wenn Elvira sie einfach nur<br>auslachen w\u00fcrde? <\/p>\n\n\n\n<p>Der Weg mit Valdira auf dem R\u00fccken war anstrengend und mehrmals rutschte sie auf dem Ger\u00f6ll aus, aber jedes Mal konnte sie sich wieder fangen &#8211; Gott sei Dank. Valdira weinte leise vor sich hin und Luisa keuchte den Berg hoch, voller Sorgen und Zweifel.<br>Sie biss die Z\u00e4hne zusammen und dann sp\u00fcrte sie, dass da noch etwas anderes war, etwas Neues: sie war w\u00fctend! W\u00fctend auf diese alte, b\u00f6se Frau, die pl\u00f6tzlich in ihr Leben eingebrochen war und dem Menschen etwas angetan hatte, der ihr am meisten bedeutete. <\/p>\n\n\n\n<p class=\"popmake-2073\">Luisas Wut wurde mit jedem Schritt gr\u00f6\u00dfer und sie ging schneller. Sie blickte wieder zur Bordeira hinauf, die senkrechte Wolke war gr\u00f6\u00dfer und dunkler geworden.<br>Elviras H\u00fctte war die letzte vor dem steilen Anstieg zur Bordeira. Man konnte sie nur \u00fcber einen schmalen, staubigen Pfad erreichen, der eine <strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-blue-color\">Ribeira<\/mark><\/strong> durchquerte und als sie hinabstiegen, war sich Luisa sicher: der Boden hatte wieder vibriert.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\" style=\"grid-template-columns:56% auto\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"706\" src=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Hexe-von-Ribeira-Fora-1024x706.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-2554 size-full\" srcset=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Hexe-von-Ribeira-Fora-1024x706.png 1024w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Hexe-von-Ribeira-Fora-300x207.png 300w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Hexe-von-Ribeira-Fora-768x530.png 768w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/Die-Hexe-von-Ribeira-Fora.png 1067w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Luisa riss die T\u00fcr auf, ohne anzuklopfen. In der H\u00fctte war es dunkel und im ersten Moment sah sie nach der Wanderung im glei\u00dfenden Sonnenlicht gar nichts. Dann erkannte sie Elvira schemenhaft auf einer Bank. Sie hatte gerade ihre Pfeife aus dem Mund genommen. <\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Der ganze Raum war voller Tabakschwaden, die sich mit dem Rauch von der Feuerstelle mischten. Elviras H\u00fctte hatte keinen Schornstein und der Qualm zog direkt durch das kleine Fenster ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Elvira war bei Luisas Eintreten zusammengezuckt und betrachtete ihre Pfeife. \u201cLuisa, du hier. Ein seltener Besuch, was gibt es denn?\u201d Luisa brachte keinen Ton heraus, nur ihre Augen hielt sie starr auf Elvira gerichtet, Valdira wimmerte leise. Sekunden vergingen, es waren die l\u00e4ngsten in Luisas Leben. Die Beine schmerzten, der Mund war trocken und die Zunge geschwollen. Ihr Kopf war wie leergefegt, sie hatte die F\u00e4uste geballt, stand nur da und funkelte Elvira an.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Schweigen wurde unertr\u00e4glich und Elvira hob langsam den Kopf. Die Blicke der beiden Frauen begegneten sich und verkrallten sich ineinander. Elvira wollte den Blick abwenden, aber es gelang ihr nicht. Und noch immer brachte Luisa kein Wort heraus. Elvira begann zu st\u00f6hnen und wand sich auf der Bank hin und her. Dann sprang sie pl\u00f6tzlich auf und rannte an Luisa vorbei ins Freie. Vor der H\u00fctte stie\u00df sie einen Blecheimer um, der scheppernd \u00fcber die Steine rollte. Sie kr\u00fcmmte sich zusammen und Luisa konnte h\u00f6ren, wie sie w\u00fcrgte und sich schlie\u00dflich \u00fcbergab.<\/p>\n\n\n\n<p>Luisa stand noch einen Moment wie versteinert in Elviras H\u00fctte, dann ging sie langsam zur T\u00fcr und trat hinaus. Valdira hatte aufgeh\u00f6rt zu weinen. Elvira war noch immer vorn\u00fcber gebeugt und st\u00fctzte sich mit einer Hand an der Hauswand ab. Sie atmete schwer und starrte Luisa bleich und mit vor Schreck geweiteten Augen an.<br>Diese hielt kurz inne, sch\u00fcttelte den Kopf und murmelte &#8222;Das habe ich nicht gewusst&#8220;. Dann ging sie an Elvira vorbei und zur\u00fcck auf den Weg, den sie gekommen war.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1248\" height=\"702\" src=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Vulkanausbruch.avif\" alt=\"\" class=\"wp-image-1913 size-full\"\/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p class=\"has-text-align-left\">Wieder vibrierte der Boden, diesmal deutlicher als zuvor und Luisa meinte, ein fernes Grollen zu h\u00f6ren. Die Wolke \u00fcber der Bordeira war gr\u00f6\u00dfer und dunkler geworden. Es war etwas in Bewegung gekommen, <em>N\u00f4s Burkan<\/em>, der Vulkan in der Ch\u00e3, war zu neuem Leben erwacht.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>Als sie an der Ribeira ankamen, sagte Valdira mit ihrer hellen Kinderstimme: \u201cVov\u00f3, la\u00df mich runter!\u201d<br><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Figa Kanhota Volksmund Immer wieder wanderte Luisas Blick zu der kleinen, senkrechten Wolke \u00fcber dem Kraterrand. Eigentlich sah sie harmlos aus, aber sie erinnerte Luisa an den letzten Vulkanausbruch in der Ch\u00e3 das Caldeiras. 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