{"id":1329,"date":"2023-01-24T09:37:54","date_gmt":"2023-01-24T08:37:54","guid":{"rendered":"http:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/?page_id=1329"},"modified":"2026-03-08T19:14:09","modified_gmt":"2026-03-08T18:14:09","slug":"deportados","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/?page_id=1329","title":{"rendered":"Deportados"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-media-text is-stacked-on-mobile\"><figure class=\"wp-block-media-text__media\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"844\" height=\"559\" src=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Filo-et.-al.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-2470 size-full\" srcset=\"https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Filo-et.-al.jpg 844w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Filo-et.-al-300x199.jpg 300w, https:\/\/wordpress2.sao-filipe.com\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Filo-et.-al-768x509.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 844px) 100vw, 844px\" \/><\/figure><div class=\"wp-block-media-text__content\">\n<p>Dona Fil\u00f3 rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie sa\u00df vor ihrem Haus in S\u00e3o Filipe, vor ihr ein kleiner Schleiflacktisch mit abgestossenen Kanten und zwei St\u00fchle. Die waren leer, ihre beiden Freundinnen Rute und Zita waren nicht mehr da. Die drei betagten Damen hatten gerade <strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-blue-color\">Bisca<\/mark><\/strong> gespielt und Dona Fil\u00f3 hatte haushoch verloren.<\/p>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<p>\u201eFilomena, du bist heute \u00fcberhaupt nicht bei der Sache, was ist denn los,\u201c hatte Rute gefragt, aber Dona Fil\u00f3 hatte nur den Kopf gesch\u00fcttelt. \u201eNa, ihr wisst schon.\u201c Und kurz darauf waren ihre Freundinnen gegangen. Es war aber auch zum junge Hunde kriegen mit den beiden Enkeln. Gerade wehte wieder eine Marihuanaschwade aus der offenen Haust\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit einigen Tagen hatte Dona Fil\u00f3 einen Gedanken im Kopf, bei dem es sie schauderte, aber er nahm immer konkretere Formen an. Dann stand sie abrupt auf, ging zum Telefon und rief ihren Sohn Eug\u00e9nio an. Er war das einzige Kind, das nicht in die Vereinigten Staaten ausgewandert war. Eug\u00e9nio hatte schon mit 13 Jahren angefangen, auf dem Bau zu arbeiten. Jetzt mit 49 hatte er ein kleines Bauunternehmen in S\u00e3o Filipe und kam ganz gut \u00fcber die Runden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color\">   TEST<\/p>\n\n\n\n<p class=\"popmake-1938\">Dona Fil\u00f3s Tochter Damascena war 1993 in die Vereinigten Staaten ausgewandert und dort bei Dona Fil\u00f3s Schwester Augusta untergekommen. Die kapverdische community in Brockton hatte sie herzlich aufgenommen, allen voran Eduardo. Er k\u00fcmmerte sich r\u00fchrend um sie, half ihr beim Gang durch den B\u00fcrokratiedschungel und besorgte ihr sogar eine Arbeit bei <strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-blue-color\">Footjoy<\/mark><\/strong>, dem Golfschuhhersteller und gr\u00f6\u00dften Arbeitgeber in Brockton. Damit war der langfristige Aufenthalt in den Staaten gesichert und es bestand sogar Aussicht auf einen amerikanischen Pass.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Jahr sp\u00e4ter wurden die Zwillinge geboren \u2013 Dominique und Diamantino. Damascena wohnte nun bei Eduardo zusammen mit dessen Mutter und seinen beiden Schwestern und nach einer kurzen Babypause konnte sie ihre Arbeit bei Footjoy fortsetzen. Sie hie\u00df jetzt \u201eDamy\u201c und \u00fcberhaupt bestand \u201eEddie\u201c darauf, dass zu Hause Amerikanisch gesprochen wurde. Man war schlie\u00dflich im dreamland und das Ziel war, Amerikaner zu werden \u2013 mit Haut und Haaren. Nur bei seiner Mutter machte Eddie eine Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p>1998 erhielt Damy die Einb\u00fcrgerungsurkunde, behielt aber auch ihren kapverdischen Pass, und auch ihre Kinder Dom und Dino, die durch Geburt bereits Amerikaner waren, hatten ebenfalls die doppelte Staatsb\u00fcrgerschaft, ein vermeintlicher Vorteil, der ihnen allerdings sp\u00e4ter noch zum Verh\u00e4ngnis werden sollte.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Probleme deuteten sich schon in der letzten Klasse der high school an, da gab es f\u00fcr beide eine Verwarnung wegen Drogenkonsum in einem minderschweren Fall. Das war kurz vor ihrem 18ten Geburtstag. Damy und Eddie waren entsetzt, redeten tagelang auf ihre Kinder ein und versuchten ihnen zu erkl\u00e4ren, welche Risiken sie damit f\u00fcr eine Immigrantenfamilie heraufbeschworen. Das Praktizieren des american way of life und das Respektieren der amerikanischen Gesetze war Grundvoraussetzung f\u00fcr erfolgreiche Integration. Dom und Dino zeigten sich zerknirscht und stellten auf Durchzug.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem high school Abschluss beschlossen Dom und Dino, erst mal ein bisschen zu jobben und dann zu sehen, wie es weiter gehen k\u00f6nnte. Schon seit fr\u00fchester Kindheit waren die beiden immer im Gleichschritt unterwegs und der Gedanke, auch mal getrennte Wege zu gehen, kam ihnen gar nicht in den Sinn. Dem Dr\u00e4ngen der Eltern, sich im College einzuschreiben, wollten die beiden nicht nachgeben. Das h\u00e4tte doch noch ein Jahr Zeit, au\u00dferdem w\u00fcrden sie f\u00fcr ihren Lebensunterhalt schon selber sorgen. Und tats\u00e4chlich hatten die beiden immer gen\u00fcgend Geld und kauften sich Klamotten, die sich der Rest der Familie gar nicht leisten konnte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Unheil brach an einem Samstagnachmittag in Form eines Telefonats \u00fcber sie herein, in dem Damy und Eddie aufgefordert wurden, ihre beiden S\u00f6hne vom Police Department Brockton abzuholen, wo sie vor\u00fcbergehend in Gewahrsam genommen worden waren. Dort wurde ihnen mitgeteilt, dass ihre S\u00f6hne nach l\u00e4ngerer Observation auf frischer Tat beim Handel mit illegalen Drogen ertappt und festgenommen worden w\u00e4ren. Sie seien erkennungsdienstlich behandelt worden, es w\u00fcrde Anklage erhoben und sie w\u00fcrden jetzt mit der Auflage, sich ausschlie\u00dflich in Brockton aufzuhalten, entlassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die R\u00fcckfahrt zur Wohnung der Familie verlief schweigend. Das war kein jugendlicher Fehltritt mehr, das war eine Straftat der \u00fcbleren Sorte und w\u00fcrde ziemlich drastische Konsequenzen haben. Es begann eine Zeit des Wartens darauf, wie die Beh\u00f6rden weiter vorgehen w\u00fcrden. Man kannte einige Berichte \u00fcber \u00e4hnlich gelagerte F\u00e4lle und die Vorahnungen waren d\u00fcster.<\/p>\n\n\n\n<p>Da Dom und Dino auch die kapverdische Staatsb\u00fcrgerschaft besa\u00dfen, wurde der Fall an den Immigration Court weitergeleitet und dieser beraumte eine Anh\u00f6rung an. Der zust\u00e4ndige Richter machte nicht viel Federlesen und ordnete die Abschiebung auf die Kapverden an. Auch ein Einspruch in der 30t\u00e4gigen Widerspruchsfrist konnte an dem Urteil nichts \u00e4ndern, der Fall war zu eindeutig.<\/p>\n\n\n\n<p>Dom und Dino folgten dem eindringlichen Rat ihres Anwalts, der Abschiebung zuvor zu kommen, und boten dem Richter des Immigration Court die freiwillige Ausreise auf die Kapverden an. Dies w\u00fcrde die Perspektive er\u00f6ffnen, eines Tages \u2013 fr\u00fchestens jedoch in 10 Jahren \u2013 nach entsprechender Pr\u00fcfung durch die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden wieder in die USA einreisen zu k\u00f6nnen. Der Richter nahm das Angebot an und setzte eine Frist von einem Monat f\u00fcr die Ausreise.<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt gab es viele Telefonate zwischen Damy in Brockton und ihren Familienangeh\u00f6rigen auf den Kapverden. Nat\u00fcrlich war niemand begeistert von der Vorstellung, Dom und Dino bei sich aufzunehmen. Auch Onkel Eug\u00e9nio, der ein grosses Haus in S\u00e3o Filipe hatte, wies dies Ansinnen weit von sich. Letztendlich gab Gro\u00dfmutter Fil\u00f3 dem Dr\u00e4ngen ihrer Tochter nach. Ihr Mann war schon vor l\u00e4ngerer Zeit gestorben und sie wohnte gemeinsam mit ihrer Haush\u00e4lterin in den vorderen beiden Zimmern ihres Hauses. Im hinteren Teil gab es noch zwei weitere Zimmer die lediglich als Abstellr\u00e4ume dienten und von denen eines mit einfachen Mitteln als Wohn- und Schlafraum hergerichtet werden konnte. Und sie hatten auch einen eigenen Eingang auf der R\u00fcckseite des Hauses. Au\u00dferdem hatte Damascena ihr versprochen, jeden Monat 200$00 Dollar f\u00fcr die Jungs zu \u00fcberweisen.<\/p>\n\n\n\n<p>Drei Wochen sp\u00e4ter landeten Dom und Dino auf dem Aeroporto Internacional Nelson Mandela in Praia, setzten ihre Reise am n\u00e4chsten Tag mit dem Schiff nach S\u00e3o Filipe fort und klopften abends gegen acht Uhr an der T\u00fcr ihrer Gro\u00dfmutter Fil\u00f3.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beg\u00fc\u00dfung war nicht gerade herzlich, aber die ersten Tage verliefen besser als gedacht. Die beiden Jungen waren freundlich und respektvoll und wu\u00dften sich zu benehmen. Nur die Unterhaltung war sehr schwierig. Dom und Dino sprachen weder Portugiesisch noch Kriolo, nur Amerikanisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem sich die beiden Jungs am ersten Tag noch nicht aus dem Haus getraut hatten, begannen sie am n\u00e4chsten Tag, die Stadt zu erkunden und zu ihrer gro\u00dfen Erleichterung trafen sie schon nach kurzer Zeit auf eine Gruppe von Jugendlichen, die sich in typisch amerikanischem Slang unterhielten. Man verstand sich auf Anhieb und schnell stellte sich heraus, dass alle aus den Staaten abgeschoben worden waren und eine \u00e4hnliche Geschichte wie Dom und Dino zu erz\u00e4hlen hatten \u2013 manchmal waren Drogen, manchmal auch Diebstahl oder Raub der Grund der Ausweisung. Und alle fluchten auf Obama, auf den man anfangs so gro\u00dfe Hoffnungen gesetzt hatte, in dessen Amtszeit aber Millionen von Immigranten deportiert wurden. &#8230;und selbstverst\u00e4ndlich wurde Pot geraucht.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einer Woche machte Onkel Eug\u00e9nio den Vorschlag, die beiden Jungs k\u00f6nnten doch bei ihm im S\u00e4gewerk arbeiten. Sie sollten morgen mal vorbeikommen und das taten sie auch. Die Arbeit fanden Dom und Dino ganz ok und die Bezahlung war auch akzeptabel. 1200 escudos hatte Eug\u00e9nio gesagt. Als sie das allerdings ihren neuen Kumpels erz\u00e4hlten, brachen die in schallendes Gel\u00e4chter aus. 1200 escudos ja, aber nicht pro Stunde sondern pro Tag. Damit hatte sich das Thema \u201eArbeit\u201c erledigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch die Suche nach einer neuen Unterkunft war ausichtslos. 200$00 Dollar pro Monat f\u00fcr zwei Personen war schon sehr wenig, davon konnte man gerade das Marihuana bezahlen, f\u00fcr Essen blieb da kaum etwas \u00fcbrig, geschweige denn f\u00fcr Miete. Aber eines war Dom und Dino klar: wenn sie noch einmal erwischt w\u00fcrden beim Dealen, wegen Diebstahl oder sonst was, dann k\u00f6nnten sie sich die R\u00fcckkehr in ihre Heimat USA abschminken &#8211; f\u00fcr immer.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber 10 Jahre warten &#8230; jetzt war 2015 &#8230; bis 2025 warten &#8230; oh my god!<\/p>\n\n\n\n<p>Und so wurde das Leben im Haus von Gro\u00dfmutter Fil\u00f3 zur Routine.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color\">   TEST<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eKlar, das kann ich machen, Mutter\u201c hatte Eug\u00e9nio am Telefon gesagt. \u201eAber eins muss klar sein: ich nehme sie nicht auf. Kein Schritt \u00fcber meine Schwelle.\u201c \u201eIst mir auch egal, wo sie bleiben\u201c hatte Dona Fil\u00f3 geantwortet, \u201eich habe die Nase gestrichen voll. Am schlimmsten ist dieses Geschrei, das sie Musik nennen, der Deutsche von nebenan hat sich auch schon beschwert.\u201c \u201eUnd sollen wir den Schutt abtransportieren?\u201c hatte Eug\u00e9nio gefragt. \u201eNein, einfach nur runter schmei\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Tats\u00e4chlich hatten Dom und Dino einen Ghettoblaster organisiert und Gangsta Rap unterhielt die ganze Stra\u00dfe, stundenlang, wenn sie nicht gerade mit ihren Kumpels oben am Pres\u00eddio abhingen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Tage sp\u00e4ter erschienen gegen Mittag drei Arbeiter von Eug\u00e9nio im Haus von Dona Fil\u00f3. Sie hatten Vorschlaghammer und Kuhfu\u00df dabei und begannen mit dem Abriss. \u00dcber den beiden Zimmern im hinteren Teil des Hauses wurde das Dach abgedeckt, die Pfannen wurden fallen gelassen und dann wurde der Dachstuhl aus der Verankerung gerissen und ebenfalls nach unten geworfen. Nur die W\u00e4nde blieben stehen. Die Arbeit dauerte keine zwei Stunden. Die Arbeiter erhielten den vereinbarten Lohn, grinsten und bedankten sich.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"popmake-1944\">Als Dom und Dino nach Einbruch der Dunkelheit vom <strong><mark style=\"background-color:rgba(0, 0, 0, 0)\" class=\"has-inline-color has-blue-color\">Pres\u00eddio<\/mark><\/strong> zur\u00fcckkamen und die T\u00fcr zu ihren Zimmern aufschlossen, stand ihnen das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. Ihre Unterkunft war nur noch ein Tr\u00fcmmerfeld. Sie rannten nach vorne und klopften bei ihrer Gro\u00dfmutter. Dort trafen sie auf Dona Fil\u00f3, die Haush\u00e4lterin, Eug\u00e9nio und noch zwei Nachbarn.<\/p>\n\n\n\n<p>Dona Fil\u00f3 erkl\u00e4rte den beiden Jungs, dass das Geb\u00e4lk im hinteren Teil des Hauses so marode gewesen w\u00e4re, dass akute Einsturzgefahr best\u00fcnden h\u00e4tte. Eug\u00e9nio pflichtete ihr bei: \u201eZum Wohnen war das lebensgef\u00e4hrlich, wir mussten das sofort einrei\u00dfen. Aber keine Sorge, wir bauen das wieder auf. Bis dahin m\u00fcsst ihr euch leider eine neue Bleibe suchen. Bei euren Freunden werdet ihr bestimmt was finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-white-color has-text-color\">   TEST<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, im Jahr 2023 spielt Dona Fil\u00f3 vor ihrem Haus noch immer Bisca mit ihren Freundinnen.  Rute ist in der Zwischenzeit gestorben, aber Eveline hat ihren Platz eingenommen. In Sachen Wiederaufbau hat sich bislang nichts getan. Aber die 10 Jahre sind ja auch noch nicht rum.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dona Fil\u00f3 rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her. Sie sa\u00df vor ihrem Haus in S\u00e3o Filipe, vor ihr ein kleiner Schleiflacktisch mit abgestossenen Kanten und zwei St\u00fchle. 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